JUNGER VOGEL: Obervogelgesang
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Vogelkrächzen, Panoramablicke durch die Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz. Dann beginnt ein Mädchen ihre Geschichte zu erzählen.

Sie genießt zunächst mit einer Freundin die Freizeit nach der Schule auf einem geheimen Aussichtspunkt in der Sächsischen Schweiz. Die beiden erzählen von einem Wanderer, der in der Nähe zu Tode gekommen ist. Es könnte ein Unglück gewesen sein oder einfach ein Herzinfarkt. Dabei erzählt die Freundin, dass nach der Meinung ihres Vaters die Geschichte für die Presse aufgebauscht wurde. Das Mädchen kritisiert gedanklich „Stammtischparolen“ und das Nachplappern solcher. „Wer hier stirbt, ist selber Schuld.“, sagte ein Bekannter zu dem Mädchen und es bleibt offen, ob sie sich dabei nur auf die Gefahren beim Wandern bezieht.

Auf dem Weg nach Hause, nach Obervogelgesang, wird sie in der Bahn von einem Pärchen angesprochen, die zum Wandern nach Sachsen gereist sind. Obervogelgesang ist ein Stadtteil von Pirna in der Sächsischen Schweiz, einem Teil des Elbsandsteingebirge. Es geht um die Basteibrücke und ob Sachsen ein lebenswertes Land ist, nach all dem was so darüber berichtet wird. Das Mädchen versucht sich zu erklären, vielleicht auch ihr zu Hause zu verteidigen. Ein frisches Graffiti an der Bahnfensterscheibe mit eindeutiger Aussage macht die Sache nicht besser, die Farbe ist sogar noch feucht. Während die Wanderer weitergehen, zeigt der Film „Obervogelgesang“ auf eindrückliche Weise die Gefühle des Mädchens. Bedrohlich wirkt der anschließende Gang durch die Bahn. Wie in einem Abzählreim betrachtet sie die Mitreisenden, statistisch wäre jede*r Dritte ein Nazi.

Dem Mädchen gelingt die Flucht aus der Bahn beim Erreichen ihrer Bahnstation Obervogelgesang. Auf dem Bahnsteig wächst in ihr der Wunsch nach Widerstand, nach dem „Etwas dagegen tun“. Etwas ändern – wird ihr das gelingen?

Die animierten Bilder zeigen die Geschichte in schwarz-weiß, die einzigen Farben sind das Rot des Graffitis und ein grüner Stift des Mädchens. Dadurch stehen die beiden Farben im Kontrast zum Rest des Filmes und ihre Bedeutung sticht heraus. Die Vertonung beeindruckt mich besonders. Die Stimme des Mädchens ist dunkel, beinah rau. In dem Gespräch mit den Touristen dann aber schneller und deutlich jünger. Geräusche der Umgebung sind mal im Hintergrund, wie das Vogelkrächzen, mal im Vordergrund. Gerade die immer tiefer werdende Schlucht wird als wachsende Bedrohung mit dunklem Rumpeln und Knirschen untermalt.

Die Gefühle des Mädchens im Zug werden durch schnelle Bilder, dunkle Farben, dem Rennen des Mädchens auf dem immer länger werdenden Bahnmittelgang deutlich. Das romantisierte Außen der Landschaft steht dem bedrohlichen Inneren gegenüber. Sei es dabei der Rechtsextremismus durch die Einwohner*Innen oder die Machtlosigkeit des Mädchens.

Der Kurzfilm entstand als Studienarbeit von Ferdinand Ehrhardt und Elisabeth Weinberger an der Filmakademie Baden-Württemberg. Es sind zwei Szenen, die unabhängig voneinander stehen könnten und für mich durch den Spruch „Wer hier stirbt, ist selbst Schuld“ und die mächtigen, zerklüfteten Berge des Elbsandsteingebirges verbunden werden. Wenn jemand selbst an etwas Schuld ist, dann liegt darin auch die Macht, Dinge zu ändern. Aufmerksam bleiben und auch für oder gegen etwas einzustehen. Sei es nun beim Wandern oder beim zwischenmenschlichen Miteinander. Eine Schlucht kann zur Bedrohung werden. Doch sind es diese besonderen Felsen, die das Elbsandsteingebirge besuchenswert machen. Aber eben nicht nur. Wenn ein Ort oder ein Land mit einem bestimmten Thema assoziiert wird, die mediale Aufmerksamkeit sich vollends auf dieses Thema richtet, dann wird von den Bewohnern*Innen erwartet, in Gesprächen direkt darüber reden zu können. Und gleichzeitig werden diese auch darauf reduziert.

Erzählte ich Freunden aus Berlin, Kiel oder irgendwo anders in Deutschland davon, nach Rostock gezogen zu sein, etwas wie ein Zuhause gefunden zu haben, hier glücklich zu sein, dann kam doch immer wieder das Thema auf Rechtsextremismus. Das Sonnenblumenhaus in Lütten Klein. Ob ich schon mal die Dokumentation darüber gesehen habe? Ich bin nicht in Mecklenburg-Vorpommern groß geworden und Rostock liegt nicht in Sachsen, jedoch erinnern mich Teile der Geschichte des Kurzfilmes „Obervogelgesang“ an eigene Erlebnisse.


Text: Greta Markfort

Dieser Film läuft in Block 6 des Wettbewerbs JUNGER FILM beim FiSH – Filmfestival im Stadthafen.

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