JUNGER FILM: Das abstürzende Luftschiff
Wir sehen schon die Wolken vorbeiziehen!

Wie ein Vorhang im Theater zieht sich ein Meer aus Wolken auseinander und offenbart den Blick auf ein fliegendes Schiff. Idyllisch, oder? Absolut nicht. Die Bewohner*Innen sehen sich mit einem Problem konfrontiert: es sinkt.

Dabei wird die Überbevölkerung, der Klimawandel und der Glaube an ein übergeordnetes Sein thematisiert, welches hoffentlich die Rettung vor allen Übeln bringt. Werden die Bürger*Innen eine Lösung finden?

Franziska (Katharina Stark) möchte drastische Maßnahmen ergreifen, um dem entgegenzuwirken. Die Stadt muss an Gewicht verlieren – Stein, Gold, sogar die alte Kathedrale sollten von Bord geworfen werden. Ihre Ideen arbeitet sie mithilfe ihres Freundes Tom (Jan Beller) in einem Papier aus, um diese dem Bürgermeister (Michele Cuciuffo) vorzustellen in der Hoffnung auf Besserung – doch die Audienz bei der Obrigkeit verläuft anders als erwartet.

Dieser Kurzfilm, inszeniert von Ivan Dubrinov, gefördert von der Hochschule für Fernsehen und Film München, porträtiert eine Welt, die dem Scheitern verurteilt ist. Dabei erzeugen die Filmschaffenden eine Tragik, die mir persönlich nach dem Schauen noch eine Weile im Gedächtnis bleiben wird. Mit der Wahl, einen Schwarz-Weiß-Film zu produzieren, nimmt das Gefühl der Schwermütigkeit ihren Beginn. Es erinnert mich stark an die Zeit der Filmindustrie der 1960er Jahre. Die Machart des Klassikers “Sissi” springt mir in den Kopf und damit direkt eine betonte Dramatik des Werkes. Dies spiegelt sich bereits in der Anfangs- und sogar auch Endsequenz wider. Darin wird ein Panorama von dem Luftschiff in einem Meer aus Wolken gezeigt. Eine Bevölkerung, allein, auf sich gestellt. Sie müssen aus eigener Kraft aus dem Schlamassel hervortreten. In Bezug auf die weiten Einstellungen der Bilder musste ich an den Anime “Das Schloss in den Wolken” von Studio Ghibli denken. Dort rückt man den Hauptschauplatz des Filmes – das Schloss – ebenso in die Totale. Dadurch gewinnt dieser Ort an einer tiefgreifenden Bedeutsamkeit, die man auch bei “Das abstürzende Luftschiff” finden kann. Wer also schon Fan dieser gestalterischen Umsetzung war, wird hier auch seine*ihre Freude beim Schauen haben.

Überhaupt zeigt sich in dem szenischen Konzept dieses Kurzfilms eine absolute Genauigkeit in der Darstellung der verschiedenen Handlungsorte. Das aufgenommene Bild wartet stets mit einer leichten Schieflage auf und erinnert den Zuschauer durchweg, dass man sich auf einem Schiff befindet, bei welchem nicht von einem ebenen Grund ausgegangen werden kann. Im Mittelpunkt einer jeden Einstellung befindet sich ein überdimensionales Fenster, das anhand der schnell vorbeiziehenden Wolken das Sinken des Schiffes prognostiziert. Es verwundert, wie entspannt die Bürger*Innen mit diesem Fakt umgehen. Scheinbar besteht eine Blindheit vor der Gefahr bei der Bevölkerung.

Diese Ignoranz ist das vorherrschende Thema. Ignoranz gegenüber dem Verfall der Welt – und damit ist der Aspekt der Überbevölkerung als auch der voranschreitende Klimawandel gemeint. Es wird alles dafür getan, um von den eigentlichen Problemen abzulenken! Kuppelshow statt Problemerkennung. Preisverleihung statt Lösungsfindung. So offenbaren sich in vielen Punkten die schlechten Seiten des Menschen, welche brandaktuell auch im realpolitischen Geschehen vorzufinden sind. Franziska trägt die Funktion einer Symbolfigur der heutigen Protestbewegungen, wie beispielsweise Fridays For Future. “Das abstürzende Luftschiff” ist als Medium zu verstehen, welches uns den Spiegel vorhält. Wir sehen durchaus auch schon die Wolken vorbeiziehen und erkennen den “Sinkflug” der Erde. Es ist Zeit, etwas zu tun!

„Das abstürzende Luftschiff“ ist jeder*m zu empfehlen, der*die ein bildgewaltiges Kurzfilm-Epos unter einer brandaktuellen Thematik erleben möchte. Dabei beeindruckt es, wie die Filmschaffenden, ohne der Schuldfrage auf den Grund zu gehen, der heutigen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.


Achtung Spoiler! Ab hier gibt es einen Zusatz zum Ende des Films:

Franziska übernimmt diese Rolle auf ihrer Welt und bietet mit ihrem Lösungsansatz einen Ausweg aus der Katastrophe. Dafür hat sie eine Menge geopfert. In einer anfänglichen Sequenz gesteht ihr Tom seine Liebe. Sie reagiert versteift und abweisend. Es ist ein Moment, der bei mir Fragen hinterlassen hat. Liebt sie ihn? Meinem ersten Eindruck folgend, würde ich sehr wohl davon ausgehen, dass Franziska mehr für Tom empfindet. Wieso kann sie es ihm nicht offenbaren? Natürlich könnte manch einer behaupten, dass sie mit den Gedanken bereits bei der Audienz mit dem Bürgermeister sei und das mag in Teilen auch stimmen, doch habe ich eine ganze andere These. Auf dem Schiff herrscht eine Überbevölkerung, die das Sinken begründet. So wie ich die Protagonistin einschätze, hat sie nicht nur die Maßnahme im Sinn, schwere Objekt über Bord zu werfen: Nein! Eine nachhaltige Lösung muss her. Sie strebt eine Kein-Kind-Politik an und begegnet dem Konzept Liebe mit Suspekt. Schließlich kann – nicht muss – dies zu einem Bruch mit ihrer Regel führen. Was meint ihr, zu weit hergeholt oder doch eine Möglichkeit?

Leider werden weitere Folgemaßnahmen bei dem Gespräch mit dem Bürgermeister nicht angesprochen, so dass uns wohl nur das Munkeln bleibt. Es scheint ihn nicht zu interessieren, was man tun müsste, damit das Schiff wieder steigt. Stattdessen verleiht er Franziska eine Medaille, was ich für eine plumpe Ruhigstellung halte. Der Bügermeister will nichts ändern. Es würde schließlich seinen Reichtum betreffen. Gleichzeitig kommt ihm dieser Rettungsversuch sehr gelegen. Dadurch kann er sich in der Zeitung dem Volk als Handler präsentieren. Seine Aussage: “Wir wollen derartiges Engagement natürlich fördern. Solche engagierten Leute sind wichtig für uns und unsere Gesellschaft. Gesellschaftlich relevante und zukunftsweisende Ideen nützen uns natürlich sehr.” sollte man jedoch keinesfalls missverstehen. Nutzen tut es nur seinem eigenen Geldbeutel.

Dabei müsste er es eigentlich besser wissen. In einer kurzen Sequenz wird hinter seinem Schreibtisch eine Reihe von Gemälden sichtbar, welche die Entstehungsgeschichte des Schiffes offenbart. Die Erde ist in der Vergangenheit unbewohnbar geworden. Keine gute Lebensgrundlage! Eines Tages, so die Abbildung, hat eine göttliche Macht das Schiff erschaffen. Eine Art Arche Noah der neuen Zeit. Diese Abbildungen werfen bei mir mehr Fragen auf als jede andere Szenerie. Wie ist die Erde zerstört worden? Was ist diese Gottheit? Welchem Glauben haften sie an? Gibt es den einen Glauben? Oder mehrere? Vor wie vielen Jahren ereignete sich die Erschaffung des Schiffes?


An dieser Stelle könnte ich noch einige Fragen stellen, doch selbst diese können nur auf der Basis von Theorien geklärt werden. Worauf wir allerdings eine absolute Antwort finden, ist, dass der Mensch niemals aus seinen Fehlern lernen möchte. Obwohl man eine Krise auf Erden erlebt hat, hat die Bevölkerung sich erstmal wieder in trügerischer Sicherheit befunden. Ein makabrer Kreislauf! Wie lange kann das wohl gut gehen? Lernt die Menschheit nie?

“Das abstürzende Luftschiff” thematisiert hochaktuelle Fragen und belässt es den Zuschaueenden, darüber zu urteilen. Es gibt keine Wertung. Franziska kritisiert zu keiner Zeit das System, sondern unternimmt nur den Versuch, Lösungen durchzusetzen. Schlussendlich kann jeder Zuschauer selbst seine Lehre aus diesem Film ziehen. Dabei überzeugt der Kurzfilm mit fantastischen Szenenbildern und einem großartigen Cast! Alle, die sich für die angesprochenen Themen interessieren, werden ihren Spaß haben!


Text: Moritz Heiden

Dieser Film läuft in Block 5 des Wettbewerbs JUNGER FILM beim FiSH – Filmfestival im Stadthafen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.