JUNGER FILM: Ein Ozean
Kein Opfer, sondern Überlebender

Es ist keine leichte Kost, die der Film Ein Ozean seinem Publikum präsentiert. Dokumentarisch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dessen Kindheit durch traumatische Erlebnisse gezeichnet ist – und der bis heute keine Ruhe findet.

(Content Note: In der folgenden Rezension geht es um Kindesmissbrauch. Für Personen, die besonders sensibel auf diese Thematik reagieren, sprechen wir deshalb eine Triggerwarnung aus. Altersfreigabe des Films: ab 16 Jahren.)

Die Zuschauenden werden mitgerissen von dem Schicksal des Protagonisten, spüren die Tiefe seines Schmerzes. Und es wird umso tragischer, wenn man merkt, dass es dabei nicht nur um einen Einzelfall geht. Im Gegenteil: Die dargestellte Thematik spiegelt einen großen Schatten unserer Gesellschaft wider; einen Schatten, der das Leben von Menschen verschlingt, die noch nicht einmal richtig begreifen können, was das Wort Leben bedeutet und wie es sich anfühlt.

Die Rede ist von sexuellem Kindesmissbrauch.  

Im Mittelpunkt des Kurzfilms unter Regie von Paul Scheufler steht der 49-jährige Mann Markus, der gemeinsam mit seinem Hund Picasso in einem Wohnwagen lebt. Der Film findet seinen Anfang auf einem Parkplatz bei Nacht, erleuchtet von den Scheinwerfern des umherfahrenden Wohnwagens. Das Licht richtet sich auf einen Haufen Sperrmüll, das Fahrzeug kommt zum Stehen; neben einigen anderen herkömmlichen Einrichtungsgegenständen fällt hier besonders ein massiver Ohrensessel ins Auge. Die Silhouette des Fahrers bebt vor unterdrücktem Schluchzen, dann endet die Szene. Der Film nimmt seinen Lauf und wir begleiten Markus: Wie er ein letztes Mal auf sein Elternhaus blickt, während Regen auf das Wohnwagendach prasselt. Wie er sich fahrig eine Zigarette anzündet. Wie er von seiner ersten Misshandlung im Alter von fünf Jahren erzählt und später von seiner zweiten und seiner dritten. Die Szenen wechseln, der Wohnwagen fährt auf der Straße. Bei untergehender Abendsonne und friedlicher Atmosphäre spielt Markus mit Picasso, seinem Assistenzhund, wie wir bald darauf erfahren. Ohne dass er jemals direkt in die Kamera schaut, sehen wir seinen stets ernsten Gesichtsausdruck im Profil und durch den Rückspiegel des Wohnwagens. Schritt für Schritt gibt er seine Vergangenheit preis und kämpft spürbar mit sich selbst. Doch auch, wenn die traumatischen Erlebnisse in seiner Kindheit ihn fest im Griff haben, will Markus etwas erreichen: Die Abschaffung der Verjährungsfrist bei Sexualstraftaten an Kindern. Dafür macht er auf seinem Weg Halt in überlaufenen Innenstädten, wo er Unterschriften für seine Petition sammelt und Flyer verteilt. Statt klein beizugeben setzt er sich hinters Steuer und fährt weiter. Immer weiter.

Schon während ich Ein Ozean zum ersten Mal ohne jegliches Hintergrundwissen über die Produktion anschaute, war ich stark beeindruckt von der Inszenierung des Themas und insbesondere der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers. Tränen, unruhige Gestik, zitternde Stimme – authentischer hätte man die Rolle einer gebrochenen Seele nicht verkörpern können. Dazu die Kameraführung. Der Film wirkt dokumentarisch, als würde Markus auf Interviewfragen antworten. Als ich den Abspann etwas genauer unter die Lupe nahm und begann zu recherchieren, merkte ich auch endlich warum: Der Film behandelt keine fiktive Geschichte, ganz im Gegenteil. Markus Diegmann gibt es wirklich. Als Initiator des Vereins “Tour41” kämpft er für den Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt und ist auch in den Medien präsent. Hier publiziert er seine Leidensgeschichte und sensibilisiert die Zuschauerschaft für das noch immer reale aber oftmals totgeschwiegene Problem des Kindesmissbrauchs.

Vor diesem Hintergrund wirkt der 18-minütige Kurzfilm der Filmuniversität Babelsberg in meinen Augen noch viel tragischer. Allerdings beleuchtet die biografische Komponente nur einen kleinen Teil von Markus‘ Werdegang – der Fokus liegt ganz klar auf dem Stimmungsaufbau. Lange Pausen, keinerlei Hintergrundmusik, Naturaufnahmen. Die von Markus preisgegebenen Erinnerungen sind so laut, dass die unaufgeregte Schlichtheit und wiederkehrende Kameraperspektive eine perfekte Balance schafft. Als Markus schließlich Abends weinend mit Picasso an seiner Seite im Wohnwagen sitzt und den Soundtrack Ozean von AnnenMayKantereit mitsingt, wird auch beim Zuschauenden ein emotionaler Höhepunkt erreicht.

Für mein Empfinden handelt es sich bei Ein Ozean um einen unglaublich gelungenen Kurzfilm mit einem Thema, vor dem wir nicht länger die Augen verschließen dürfen. So viel Distanz die Opfer auch zwischen sich und ihre Vergangenheit aufbauen, wirken sich diese traumatischen Erlebnisse in der Kindheit meist auf ihr gesamtes Leben aus – wie uns am Beispiel von Markus eindrücklich bewiesen wird. 


Text: Carolin Laupitz

Dieser Film läuft in Block 6 des Wettbewerbs JUNGER FILM beim FiSH – Filmfestival im Stadthafen.

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