JUNGER FILM: Meine Stadt in Berlin
Heimat in der Fremde

Eine ungewohnte Stadt mit fremden Menschen, welche eine ganz andere Sprache sprechen. Alles ist neu! Jameela Mearajdin berichtet, wie sie ihre ersten Jahre in Deutschland erlebt hat.

Es kommt im Leben der meisten Menschen vor, dass sie den Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt verlagern, entweder im Zuge des Studiums, des Berufes oder um frischen Wind zu erleben. Doch was ist, wenn dieser Umzug nicht aus eigenem Ansporn heraus erfolgt, sondern die Lebensumstände es erzwingen? Der neue Ort wird statt zu einem aufregenden Impuls erst einmal zur Fremde. Die Menschen, welche man nun antrifft, sprechen nicht die gleiche Sprache. Alles wirkt sehr bedrückend und überwältigend. Was und wie erlebt man diese Zeit?

Jameela Mearajdin offenbart in ihrem Kurzfilm “Meine Stadt in Berlin” ihre ersten Jahre in Deutschland. Dabei zeigt sie eindrücklich, wie schwer die Phase der Eingewöhnung für sie gewesen ist. Anfangs konnte sie ihr Zuhause nur mithilfe der Hausnummer am Gebäude erkennen. Alles sah gleich aus und es war ihr dadurch nicht möglich, Unterscheidungen vorzunehmen. Das führte dazu, dass sie sich sehr unwohl fühlte. Bereits beim Überqueren einer viel befahrenen Straße begann sie zu zittern. Jameela fiel es schwer, sich an einen ganz anderen Ort als ihre Heimat zu gewöhnen. Die ersten zwei Jahre hatte sie sich kaum nach draußen getraut. Einzig und allein ist sie morgens mit ihren Geschwistern mit dem Bus zur Schule gefahren und nachmittags wieder zurück. Den Rest des Tages verbrachte sie aus Angst vor Gewalt ihr gegenüber in der Wohnung, welche ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Erst in der Unterkunft in Moabit fühlte sie sich langsam wohler.

Ihren Kurzfilm erarbeitet Jameela Mearajdin im vergangenen März im Zuge eines Projektes der M-Power Girls, welches von der Schering Stiftung gefördert wurde und unter anderem in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin entstand. Die meisten Vorbereitungen zur Entstehung des Filmes konnten coronabedingt nur über Zoom stattfinden, bei welchen sie erste Texte verfasste und bereits Inspirationen für den Film sammelte. Im weiteren Verlauf, als wieder Treffen in Kleingruppen möglich waren, wurden Bilder in ihrem Viertel geschossen, damit in dem Stop Motion Film collagenartig Szenerien erschafft werden konnten. Pro Sekunde waren sechs Bilder nötig, um dem Projekt Leben einzuhauchen.

Bezeichnend ist auch das vorherrschende piepende Dröhnen. Es ist vergleichbar mit den Tönen bei einem Hörfunktionstest bei einem Hals-, Nasen-, Ohrenarzt. Die Geräuschkulisse begleitet die Geschichte stetig. Eingehend strahlt diese noch eine freudige Stimmung aus – Jameela berichtet, dass sie heute ihre Schule in der Pankstraße und Berlin mag. Im Verlauf legt sich eine bedrückende Unruhe in die Musik, welche ihre schwierige Anfangszeit untermauert. Zum Abschluss des Filmes schlägt auch die Tonfrequenz wieder eine harmonische Einstellung an.

Der Kurzfilm “Meine Stadt in Berlin” enthält einen beeindruckenden Erfahrungsbericht eines jungen Mädchens, welches sich an die neuen Begebenheiten und diese neue Mentalität gewöhnen muss. Wer offen ist für einen Perspektivwechsel, wird diesen Kurzfilm sehr mögen.


Text: Moritz Heiden

Dieser Film läuft in Block 4 des Wettbewerbs JUNGER FILM beim FiSH – Filmfestival im Stadthafen.

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