JUNGER FILM: Gravedad
Den Sternen so nah

Eine philosophische Geschichte über die hellen und dunklen Tage des Lebens – das ist Gravedad. Durch seine Abstraktheit mag man zuerst nicht jedes Detail sofort verstehen, aber: Ein zweiter Blick lohnt sich. Nicht nur auf den Film, sondern auch auf sich selbst.

Zunächst ein kleiner Funfact: Der Filmtitel Gravedad hat in unserer filmab! Redaktion zu Beginn für etwas Verwunderung gesorgt. Es wurde gerätselt, ob damit vielleicht die englischen Wörter “grave” und “dad” gemeint sind oder es sich womöglich um einen Fantasiebegriff handelt. Dass “Gravedad” einfach nur spanisch für “Schwere” bedeutet, habe ich tatsächlich erst später herausgefunden und macht auch durchaus Sinn, denn: Regie, Drehbuch und Animation von Gravedad stammen von Matisse Gonzalez, einer bolivianischen Filmschaffenden, die 2019 ihr Diplom an der Filmakademie Baden Württemberg mit eben diesem Kurzfilm abgeschlossen hat. Nicht nur der Titel, auch der gesamte Film läuft auf Spanisch mit englischen Untertiteln.

Grob umrissen geht es hierbei um eine kleine Stadt, in der die Schwerkraft verrückt spielt. Es gibt Tage, an denen sich die Bewohner*Innen so leicht fühlen, dass sie abheben und bis in den Weltraum fliegen. Unbeschwert und fern von jeglichen negativen Gefühlen schweben sie über der Erde, können sogar nach den Sternen greifen. 

An manch anderen Tagen passiert das genaue Gegenteil: Die Gravitation zieht alle Lebewesen zu Boden, sodass sie kaum noch in der Lage sind, aufzustehen. Die ungezwungene Leichtigkeit weicht tiefem Schwermut. Jedoch hat fast jeder einen Weg gefunden, sich dieser Zerrissenheit zwischen zwei Extremen zu entziehen. Um sich zu erden, gehen sie alle einer individuellen Tätigkeit nach, mit der sie sich Tag für Tag beschäftigen, egal, wie die Schwerkraft gerade tickt. Alle, bis auf eine: Rosa. 

An guten Tagen verlässt Rosa die Erde, hebt ab ins Unendliche wie eine Rakete und lässt sich von einer unaufhaltsam Euphorie leiten. Kehrt sich die Schwerkraft um, fällt Rosa; sie fällt und fällt, bis sie hart auf dem Boden eines tiefen Lochs in hoffnungsloser Dunkelheit landet. Dort bleibt sie liegen, in trauriger Resignation und wartet auf den Tag, an dem sie wieder zu den Sternen fliegen kann. Ein Dasein, was wenig selbstbestimmt erscheint und zunächst kein dauerhaftes Glück verspricht.

“Was, wenn du einfach aufhörst, zu den Sternen zu fliegen?”, wird sie deshalb eines Tages von einem Freund gefragt. Er versucht, sie von seiner Leidenschaft zu begeistern und ihr auf der Suche nach einer eigenen Lebensaufgabe zu helfen. Rosa probiert vieles. Sie melkt Kühe, die verkehrt herum über dem Boden schweben; sie versucht, die unbegrenzte Liebe einer Mutter für ihre tausend Kinder nachzuvollziehen; sie tanzt mit einem Musiker zu seinem Spiel auf einer übergroßen Posaune. 

Doch all das verliert seinen Reiz, wenn die Tage wieder dunkel werden. “Gestern war der perfekte Tag fürs Tanzen”, sagt Rosa, als sie wieder in dem Loch liegt und sich auf einmal nichts mehr wünscht, als Stille. Während der Musiker gegen die Schwerkraft ankämpft und weiterhin kräftig in die Posaune bläst, verliert Rosa die Lust auf die anfangs so belebende Melodie. 

Als die Sonne schließlich wieder aufgeht und einen guten Tag verspricht, hält Rosa nichts mehr am Boden und sie wird eins mit den Sternen, nach denen sie sich gesehnt hat. Das Fliegen macht Rosa so viel glücklicher als alles, wofür sie sich in den letzten Tagen begeistern wollte. Und das ist es schließlich, wofür es sich wahrlich zu kämpfen lohnt: Die eigenen Momente des Glücks, so klein sie auch sein mögen. 

Die Stärke des Kurzfilms liegt nicht nur in seinen einfachen, aber berührende Monologen und Dialogen, sondern auch in seiner Gestaltung. Die Animation mag auf den einen oder anderen Zuschauenden zunächst gewöhnungsbedürftig und abstrakt wirken, doch schnell erkennt man einen liebenswürdigen Charme in den einfach gehaltenen Figuren und Formen. Der minimalistische Stil lenkt den Fokus außerdem auf die Farbgebung. An schlechten Tagen ist es schwarz und grau auf dem Planeten, an guten Tagen mischen sich helle, sanfte Farben ins Bild. 

Einzig die Glücksgefühle der Protagonistin, wenn sie ins Weltall fliegt, werden durch ausdrucksstarke Farben visualisiert. Diese Abstufung hat einen unterschwelligen Effekt auf den Zuschauer; man kann die dargestellten Gefühle besser nachvollziehen und begreifen. In Kombination mit der sanften Hintergrundmusik ergibt sich ein Gesamtbild, was so schlüssig ist wie die Geschichte an sich.

Nun könnte man sich final die berechtigte Frage stellen, welche zentrale Botschaft Gravedad seinem Publikum vermitteln soll. Ist es wirklich besser, das Leben in schwarz und weiß zu sehen und sich nahezu impulsiv von seinen Gefühlen leiten zu lassen? Aber andererseits: Sollte man bewusst auf Phasen der Freude verzichten, in denen man sich wahrhaftig glücklich fühlt? Und stattdessen ein passables Leben führen, um auch an vermeintlich schlechten Tagen lächeln zu können? Die Figuren in dem Kurzfilm scheinen ihren festen Platz auf der Erde gefunden haben, geben sich jedoch gelegentlich auch ihren Träumen über ferne Länder oder das Meer hin. 

Letztendlich glaube ich, dass sich Gravedad als eine Hommage an die emotionale Freiheit jedes Menschen verstehen lässt. Während sich Rosa für nichts auf der Erde richtig begeistern kann, finden die anderen Bewohner*Innen genau in solch vermeintlich normalen Aktivitäten ihr ganz eigenes Universum – und müssen gar nicht zu den Sternen fliegen, um sich frei zu fühlen. 


Text: Carolin Laupitz

Dieser Film läuft in Block 5 des Wettbewerbs JUNGER FILM beim FiSH – Filmfestival im Stadthafen.

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