Rabbi Wolff
Kleiner Mensch mit so großer Liebe

Ja, der Willy: grinsend schleicht sich dieser Schweriner Ehrenbürger in das Herz seiner Mitmenschen. Willkommen in der spannenden Welt von Rabbi William Wolff.

Foto: Uli Holz/Britzka Film
Foto: Uli Holz/Britzka Film

Spaß soll das Leben machen, verrückt darf es sein. Keine leeren Worte für den Mann, der mit Bademantel und Schlappen – als wäre es das Selbstverständlichste der Welt – zum Taxi schlürft. Auf zum Mittelmeer in Israel, rein in die Fluten will der zerbrechliche Greis. Wenn etwas keinen Spaß macht, sucht er sich etwas Neues.

Sein Traum war immer Journalist oder Rabbiner zu werden. Und doch machte er beides. Mit über 50 Jahren wird er Rabbiner. Er überrascht alle. Und vielleicht auch immer sich selbst. So als er mit 70 nach mehreren englischen Gemeinden in seine jetzige Gemeinde wechselte – zurück nach Deutschland. Denn der Rabbiner Wolff kommt aus Berlin. Entwurzelt durch die nahende Bedrohung, durch Eltern, die sich und ihre drei Kinder durch Auswanderung aus dem Deutschen Reich vor der Shoa retteten. Ein „zerspaltenes Leben“ wie er heute feststellt. Zwischen Berlin, Amsterdam, London. Er besucht die Orte seiner Kindheit bis heute jährlich.

Gebeugt, aber stetig trägt er seine vollen Plastiktüten überall umher, vom Flughafen, vom Einkauf, von der Synagoge – und auf einem schwarz-weißen Foto über ein Feld: im Hintergrund ein Stromzaun mit Stacheldraht, Barackenruinen bis zum Horizont, ein ehemaliges Vernichtungslager. Aus einer Fotoausstellung ihm zu Ehren – in Tel Aviv. Fehler der Ausstellung will er sofort eigenhändig ändern, versucht Vorort die Ausstellungstafeln umzuhängen. Immer alles selbst machen.

Ja, der Holocaust, die Vernichtung der europäischen Juden. Für ihn weniger ein Thema, für seine Verwandten in Israel, die nicht so wie er im Land der ehemaligen Verfolger und Mörder leben können, schon viel mehr. Solch eine Barbarei wäre heute unvorstellbar, sagt er bei einer Gedenkfeier zur Progromnacht in Schwerin. Und bedankt sich in seiner Rede dann dafür. Selbstlos,  wie immer. Unterschlägt sein zwischenmenschliches Wirken, seine Lebendigkeit, seine Offenheit, welche Kontakt mit dem Judentum ermöglicht – und die Shoa heute noch unvorstellbarer macht. Soviel Lebenskraft in diesem kleinen Mann. Wieviele Menschen wie er hat die Welt damals verloren?

„Wie alt bin ich? Muss ich mal nachrechnen…“ lacht er knarzend: „das letzte Mal als ich nachgerechnet habe, war ich 85 Jahre alt.“ Der alte Mann, der dies grienend über sich erzählt, ist zu diesem Zeitpunkt Landesrabbiner, seine Gemeinden sind in Wismar, Schwerin und Rostock. Er wuchtet die schwere Tora-Rolle auf seine schmalen Schultern. „Das mache ich alles alleine hier in der Synagoge, ohne Gehilfen.“ Eine Traube voller Schlüssel in der Hand zeigt er all die Orte, die er mit Leben erfüllt.

Eine Traube voller Schlüssel in der Hand zeigt er all die Orte, die er mit Leben erfüllt. Den Pass immer in der Tasche. Denn so unglaublich es klingen mag, von England macht sich der Rabbi wöchentlich auf den Weg nach Mecklenburg. Fährt selbst mit dem Auto zum Flughafen, von dort nach Hamburg, rein in den Zug und auf zu seiner Gemeinde. Der Willy steht nicht still, nicht im hohen Alter, nicht im Kopf. Und wie fit er ist: Beim Spazieren im Wald stoppt er kurz vor einem kleinen Wildgatter – er könnte es öffnen – aber der Willy klettert einfach über den Zaun. In solchen Momenten  dürfte es die Zuschauer neben dem Mitlachen zum Staunen bringen, wie agil, diszipliniert er für sich sorgt und täglich seine Gymnastik absolviert.  Wie ein Kind, lässt er sich von seinem Alter nichts vorschreiben. Auch noch in seinem hohen Alter Russisch zu lernen, da er mit den Menschen kommunizieren möchte, überrascht sicher nicht nur seine Sprachlehrerin.

Rabbi Wolff huscht immer umher, füllt seinen Terminkalender, verschwindet hinter seinem Büroschreibtisch und arbeitet. Wunderbar, einfach wunderbar, ruft der jung-gebliebene Greis immer wieder. Ja, wunderbar, ein so lebensbejahender Mitmensch.

Und damit auch der schöne, berührende und witzige Film, der ihn uns näher bringt. Dafür vielen Dank an Britta Wauer und ihrem Filmteam. Dass sie Rabbi Wolff entdeckt haben, ihn über anderthalb Jahre begleitet und seine Eigenarten und seinen Humor liebevoll in Bilder gebettet haben. Die Sympathie für ihren Protagonisten lässt leider den Aufwand für das dokumentarische Porträt fast vergessen. Aber wenn alle Beteiligten genausoviel Spaß mit Willy hatten, wie die Zuschauer oder er selbst, dann hat es sich wohl gelohnt.

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