Ausgaben 2015
Nahaufnahme einer Nacht

Scheiß auf gestern. Heute ist alles scheißegal. Wir machen einfach alles kaputt.

Wir sind jung. Wir sind stark.
Filmstill: Zorro Film

August 1992. Rostock-Lichtenhagen, Sonnenblumenhaus. Die Nacht ist bereits weit fortgeschritten und die Stimmung aufgeladen. Auf der einen Seite pöbeln, jubeln und grölen tausende Menschen gegen die schutzlosen Bewohner. Die vietnamesischen Gastarbeiter sind eingeschlossen, umzingelt von Rauch, Hass und Gewalt. Sie fürchten um ihr Leben.

WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. gibt Rostocks Pogrom ein Gesicht. Genauer gesagt die Gesichter von Stefan (Jonas Nay), Robbie (Joel Basman) und ihrer Gang. Diese besteht aus einer Gruppe perspektivloser Jugendlicher, welche einen tiefen Hass auf sich selbst und ihre Umwelt hegen. Die Mischung aus Langeweile, Frust, Überforderung und der Suche nach dem so häufig zitierten Sündenbock scheint schneller entflammbar als ein Molotowcocktail zu sein.

Bildgewaltige Momentaufnahmen zeigen eine Chronologie des Schreckens. Von der ersten Sekunde an empfindet man eine tiefe Antipathie gegenüber der Jugendlichen, denn beim Betrachten der rohen Gewalt gepaart mit Stammtischparolen zieht sich etwas in der Magengegend zusammen. Dem Zuschauer kriechen Ratlosigkeit und Zorn durch den Körper, die auch nach den 128 Minuten nicht weicht. Paradoxerweise ist dieses Gefühl aber ein Zeichen für die überragenden schauspielerischen Leistungen. Obwohl Regisseur Burhan Qurbani von der Masse als „wahren Henker“ spricht, bleibt der politisch-gesellschaftliche Kontext in der fiktionalen Erzählung hintergründig. Ob das vielleicht auch an der weniger politischen als affektbedingten Motivation der Täter liegt, sei dahingestellt.

Wer mit der Erwartung einer faktenorientierten, um Vollständigkeit bemühten Dokumentation der Ereignisse den Kinosaal betritt, wird wahscheinlich enttäuscht werden. Viel elementarer für WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. sind die atmosphärische Erzählung, die überzeugende Darstellung der Charaktere und die erstklassige Kameraführung. Während die Neonazis von damals die „völkische Revolution“ ausriefen, bleibt heute zu hoffen, dass nach dem Abspann die emotionsgeladenen Bilder noch weiter rumoren und dafür sensibilisieren, wie gefährlich und menschenverachtend Rassismus ist.

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