Familie haben
Familie haben oder nicht haben, das ist hier die Frage

Als seine Großmutter Anne verstirbt, beginnt Regisseur Jonas Rothlaender die Konflikte in seiner Familie aufzuarbeiten.

Dokumentarfilm: Familie Haben
Foto: dffb

Anne hat einen Ordner mit Briefen und Tagebucheinträgen hinterlassen, die Jonas „Einblicke in das äußere und innere Geschehen [ihres] persönlichen Dramas zu seiner vertrauensvollen Verfügung“ geben sollen. Also dreht Jonas einen zweistündigen Film, um den Geschichten im Tagebuch seiner Großmutter auf den Grund zu gehen. Er besucht dazu seinen ihm fast fremden Großvater Günther in Zürich und spricht ausführlich mit seiner Mutter Bettina.

Geld spielt eine große Rolle in der Familie, es scheint Auslöser vieler familiärer Zerwürfnisse zu sein. Günther veruntreut das Geld seiner Ehefrau Anne und setzt sich mit einer neuen Frau in die Schweiz ab. Anne steht von nun an völlig mittellos da, ihre Tochter Bettina unterstützt sie nicht, sie stirbt völlig verzweifelt und verschuldet. Als Jonas den mittlerweile 90-jährigen Großvater damit konfrontiert, lässt jenen das völlig kalt – Skrupel hat er nicht. Immer wieder sagt er Sätze wie „Das ist Jahre her.“ und „Ich kann es nicht mehr ändern.“
Auch über sein Verhältnis zu Frau und Tochter verliert Günther kaum Worte. Ein stolzer Vater sei er nicht gewesen. Ob er verliebt war, kann er nicht sagen. „Menschenskind, du fragst Sachen, die habe ich mich selbst noch nicht gefragt“, antwortet er seinem ältesten Enkel. Mit seiner Tochter hat er seit Jahren nicht gesprochen, die Namen der weiteren Enkel kennt er nicht.
Jonas versucht herauszufinden, ob ein kompliziertes Eltern-Kind-Verhältnis in der Familie liegt. Die Beziehung zu seiner Mutter hat Risse, die er seit Jahren nicht ansprechen kann. Auch Jonas beendet seine eigene langjährige Partnerschaft, weil er keine Kinder will – aus Angst, familiäre Konflikte weiterzuvererben.

Jonas Rothlaender liefert mit FAMILIE HABEN 130 bedrückende Minuten, die schweigende Gesichter zeigen und Fragen aufwerfen, die auch den Zuschauer nicht so schnell loslassen. Es ist schwer zu sagen, ob man lieber mehr oder weniger über dieses Familiendrama erfahren möchte. Man muss sich durchkämpfen durch diesen Dokumentarfilm. Und am Ende möchte man seine eigene Großmutter anrufen.

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