Ramazzotti mit Sanders, Wein mit Elsner
[Interview mit Oliver Hübner]

Es ist die Ruhe vor dem Sturm: Es ist der letzte freie Sonntag vor dem Filmkunstfest. Wir setzen uns mit Oliver Hübner, dieses Jahr leitender Programmredakteur, an den Pfaffenteich, um über das anstehende Festival zu sprechen.

filmab!-Redakteurin Marie im Interview mit Oliver Hübner (Foto: Tino Höfert)
filmab!-Redakteurin Marie im Interview mit Oliver Hübner (Foto: Tino Höfert)

Oliver, ursprünglich sollte Elke Mülder die künstlerische Leitung übernehmen. Wie kam es dazu, dass sie zurückgetreten ist?
Das war in der Vorbereitung ein sehr schwieriges Jahr für uns. Im Juni, als wir angefangen haben, das Filmkunstfest vorzubereiten, war nicht klar, mit welcher personellen Konstellation wir das machen können. Es wurde seitens des Aufsichtsrats die Stelle des künstlerischen Leiters neu ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und war auch in der engeren Wahl, aber der Aufsichtsrat hat sich Ende Oktober dafür entschieden, mit die künstlerische Leitung mit Elke Mülder zu besetzen. Es war allerdings klar, dass sie frühestens im Februar kommen konnte, weil sie im Januar noch das Max-Ophüls-Festival macht. Ich sollte sowieso bis dahin das Festival vorbereiten und vor Ort planen. Im Februar stellte sich heraus, dass sie nicht kommen würde.

War es für dich dann ein Sprung ins kalte Wasser, auch wenn schon vorher mit der Festivalplanung beschäftigt warst?
Das nicht. Es war schwierig, weil ich nicht wusste, wie viel ich zu Ende planen konnte und im Februar dann vielleicht doch nur zur Diskussion stellen müsste. Insofern war es ein anfänglich verhalteneres Planen. Erst als klar wurde, ich kann es bis zum Ende planen, war es für mich ein freieres Planen.

Ist es für nächstes Jahr vorgesehen, wieder einen künstlerischen Leiter zu besetzen? Die Stellenausschreibung gibt es ja noch.
Es soll in jedem Fall wieder ein neuer künstlerischer Leiter gesucht und besetzt werden.

Bewirbst du dich nochmal dafür?
(lange Pause) Ich weiß es nicht… Das hängt von ein paar Sachen ab. Der Aufsichtsrat kommt nach dem Festival zusammen und entscheidet, ob es neu ausgeschrieben werden soll oder die Stelle in einer anderen Form vergeben wird. Ich werde mich sicherlich mit einigen Leuten unterhalten und mich dann entscheiden.

Zur Länderreihe gab es auch unterschiedliche Planungen: Zuerst Kuba, jetzt ist es Großbritannien geworden. Wieso nicht Kuba?
Letztes Jahr stand Kuba noch nicht hundertprozentig fest. Wir haben es trotzdem verkündet, das war vielleicht ein bisschen zu früh. In Absprache mit wichtigen Partnern, die sich Kuba nicht als Gastland wünschten, haben wir es dann geändert.

Wie wird entschieden, welche Filme gezeigt werden? Zieht sich ein roter Faden durch die Länderreihe?
Ich habe versucht, verschiedene Themen zusammenzubringen, indem ich viele Leute gefragt habe, die sich mit dem britischen Film sehr gut auskennen: Was sind für euch die wichtigsten britischen Filmemacher, die wichtigsten Filme? Wir haben spannende Regisseure dabei, wie Ken Loach und Lynne Ramsey. Lynne Ramsey – eine der interessantesten aktuellen britischen Regisseurinnen – sie hat den Film „We need to talk about Kevin“ gemacht, der im letzten Jahr ziemlich Furore gemacht hat. „Ratcatcher“ ist der erste Film von ihr, der international auch auf Wettbewerben lief. Wir haben eine spannende Deutschlandpremiere von einer aktuellen britischen Komödie: „Papadopoulus und Söhne“. Außerdem sind Kurzfilme vom London Short Film Festival dabei.

Oliver Hübner im Gespräch mit der filmab!-Redaktion
Oliver Hübner im Gespräch mit der filmab!-Redaktion (Foto: Tino Höfert)

Was macht den britischen Film aus?
Da gibt’s verschiedene Ansätze. Es gibt diese typische Reihe der Sozialdramen, ausgehend von den britischen Schichten. In Großbritannien ist es noch mal etwas anderes als in Deutschland, es gibt ein starkes Klassenbewusstsein, woraus sich spezifische Wahrnehmungen ergeben. Diese Probleme der britischen Arbeiterklasse sind in sehr starken Filmen umgesetzt worden. Da zeigen wir zum Beispiel auch „This is England“, was einer der Klassiker der Neunziger Jahre in Großbritannien war. Es gab einige Filme, die ich auch gerne gezeigt hätte, zum Beispiel „Trainspotting“. Den haben wir leider nicht gekriegt, weil es die Verleihrechte in Deutschland im Moment einfach nicht gibt. Ich hätte auch gerne einen Musikfilm gezeigt – „Quadrophenia“ – da haben wir auch schlichtweg die Verleihrechte nicht bekommen. Das war gerade für die Großbritannien-Reihe eine Hürde. Und dann Monty Python mit einem Klassiker des britischen Humors – die mussten wir einfach reinnehmen.

Wir sind gespannt, wie der britische Humor wohl beim Schweriner Publikum ankommen wird. Hattest du da vorher Bedenken, gerade auch wenn einige Filme in Originalsprache gezeigt werden?
Ich hoffe einfach, dass genug an Großbritannien interessierte Besucher hier aus Schwerin kommen. Da mache ich mir eigentlich weniger Sorgen. Klar, wir haben einige Filme, die im Original ohne Untertitel laufen, viele zeigen wir aber auch im Original mit Untertiteln. Ich denke, die Kinofreunde, die wahren Cineasten, schätzen es, einen Film im Original mit Untertiteln zu sehen.

Wenn du mal zurückblickst auf deine gesamte Filmkunstfest-Geschichte: Woran erinnerst du dich gerne zurück?
Oh, ich bin jetzt das vierte Jahr beim Filmkunstfest dabei. Die letzten beiden Jahre in der Programmplanung, das erste Jahr in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Es waren einfach sehr interessante Menschen, die ich in der Zeit getroffen habe. Zum Anfang habe ich zum Beispiel mal eine Pressekonferenz mit Michael Ballhaus und Andreas Dresen leiten dürfen. Auch unsere Ehrengäste waren immer sehr beeindruckende Begegnungen. Mit Otto Sanders Ramazzotti trinken, mit Hannelore Elsner im Brinkamas ein Glas Wein.

Zukunft Filmkunstfest: Wie wird es sich weiterentwickeln? Wir haben beobachtet, dass einige Reihen neu dazu kommen, beispielsweise gibt es jetzt den „Leo“ der Kinder- und Jugendjury.
Ich habe in diesem Jahr versucht, mich ganz klar auf die Traditionen zu berufen, dass das Filmkunstfest ein Publikumsfestival ist: Berührungspunkte zwischen dem Filmteam und dem Publikum schaffen, dass man einfach nach den Filmen gemütlich im Stadtkrug beisammen sitzt und am Nachbartisch sitzt dann vielleicht noch ein Filmteam. Es ist Nähe da, man kann die einfach sogar ansprechen und was fragen. Wir haben den Filmtalk jetzt auf 22 Uhr gelegt – in der Hoffnung, dass wir da noch ein paar mehr Leute erreichen, die vielleicht nicht bis morgens früh um halb zwei beim Festival ausharren.
Die Kinder- und Jugendreihe ist sicherlich etwas, was in den nächsten Jahren auch noch ausgebaut wird. Die Reihe hat sich leider erst in den letzten zwei, drei Monaten vor dem Festival ergeben. Wenn wir da auch noch mehr Planungssicherheit haben, das Festival über ein ganzes Jahr mit besserer Planungssicherheit planen können, möchten wir die Schulen mehr einbinden und da auch Werbung machen für die Kinder- und Jugendfilmreihe, die dann ein Wettbewerb werden soll.

Wie kam es zu der Hommage-Reihe für Michael Gwisdek? Wie wird das entschieden, wer der Ehrenpreisträger wird?
Der Ehrenpreis ist so eine Herzensangelegenheit vom ganzen Team. Das entscheiden und überlegen wir zusammen: Wer würde passen in diesem Jahr? Wer hat interessante Sachen gemacht? Wer hat vielleicht auch ein Jubiläum? Mit Michael Gwisdek haben wir in diesem Jahr den richtigen Riecher gehabt, gerade ist er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurden. Die Reihe ergibt sich dann aus dem Gespräch mit dem Preisträger selbst. Ich habe mich mit Michael Gwisdek getroffen und ihm ein bisschen was vorgeschlagen. Er hat dann gesagt, welche Filme er gerne dabei hätte. So haben wir uns auf eine vielfältige Reihe einigen können.

Gibt es schon Spekulationen, wer es im nächsten Jahr werden wird? Oder darf das noch nicht verraten werden?
Wir haben tatsächlich schon einige Namen so mal für uns überlegt, aber da sage ich jetzt lieber noch nichts zu.

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Ich bedanke mich für das Gespräch und schalte das Mikro aus. Oliver Hübner atmet tief durch. Er gibt zu, dass er langsam aufgeregt wird. Er schwingt sich aufs Fahrrad, um bis zum Start des Festivals noch die allerletzten Dinge vorzubereiten.

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