Niemand zeugt für den Zeugen
[Dok „Nach dem Brand“]

„Früher dachte ich einfach, es wären zwei Deutsche, die Ausländern weh tun wollen. Heute denke ich, dass es zwei Idioten waren.“

Foto: credofilm & NDR
Foto: credofilm & NDR

Stellen Sie sich vor, Sie wachen mitten in der Nacht auf. Überall ist Rauch. Sie versuchen aufzustehen, haben das Gefühl zu ersticken. Kurz darauf stürzen sie kopfüber aus dem dritten Stock. Genauso erging es Hava Arslan im Jahre 1992 in der Kleinstadt Mölln in Schleswig-Holstein. Mit ihr in den Flammen gefangen: ihre Familie. Der damals siebenjährige Sohn schaffte es noch, sich aus dem Wohnhaus zu befreien. Für die zehnjährige Tochter Yeliz, die Schwiegermutter und die 14-jährige Nichte Ayse war es jedoch zu spät. Sie starben allesamt an einer Rauchvergiftung.
Eine Albtraumvorstellung. Die Angst einer jeden Mutter, eines jeden Vaters, eines jeden Bruders. Kurz: die eines jeden Menschen. Aber was, wenn sich dann herausstellt, dass dies kein Unfall war? Dass zwei jugendliche Neonazis mit Absicht gemordet haben?

In dem Dokumentarfilm „Nach dem Brand“ der diesjährigen Vielfalts-Preisträgerin Malou Berlin wird der genaue Vorgang dieser grauenvollen Nacht auf den 23. November 1992 ausführlich besprochen. Viel mehr Raum aber nimmt die Frage ein, wie die einzelnen Familienmitglieder und Beteiligten mit diesem Verlust umgehen. Und besonders mit dem Hass und der Fremdenfeindlichkeit, die ihnen gegenüber laut wurde. Auch heute noch werden sie in ihrem täglichen Leben von Traumata und Schlaflosigkeit geplagt. Jährlich trifft sich die Familie Arslan mit Freunden und Betroffenen zum Gedenken. Jedes Mal ist es eine Reise in die Vergangenheit, die Trauer, Tränen und den Verlust von drei Menschen auf ein Neues in die Gegenwart zurückholt.
Mit „Nach dem Brand“ hat die Welt der Dokumentarfilme ein Werk dazugewonnen, das ein tragisches Geschehen nicht nur faktenartig wiedergibt. Sondern das anklagt, hinterfragt und gekonnt feinfühlig mit den Gefühlen und Gedanken der Beteiligten arbeitet. Trotzdem bleiben Fragen offen, es wird nicht überall Licht in den Schatten dieser rassistischen Tat gebracht.

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