Voll auf die Zwölf [Länderreihe „Faust“]

Der Tragödie ungezählter Teil. Entweder man empfindet die losgelöste Neuinterpretation als treffend. Oder man fühlt sich ins Gesicht geschlagen.

Filmszene "Faust"
Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

Die Tragödie „Faust“ mag kein neuer Filmstoff sein. Der hochgelobte, russische Regisseur Alexander Sokurov nutzt den Klassiker von Johann Wolfgang von Goethe lediglich für eine bizarre Adaption. Der 2011 produzierte Spielfilm ist bemerkenswerterweise in deutscher Sprache gedreht. Ein Kniefall vor dem wohl meistzitiertesten Werk deutscher Literatur, es in seiner Originalsprache zu belassen.

Damit sind die Ähnlichkeiten zwischen Werk und Verfilmung bereits am Ende. Die Handlung wird in das frühe 19. Jahrhundert verlegt. Weder Zitate noch Figuren entsprechen der ursprüngliche Vorlage, 140 Minuten lang werden des Dramas erster und zweiter Teil verwurstet. Dr. Faustus ist nicht recht von Mephisto zu unterscheiden, es ergeben sich keine Gegensätze in den Handlungen der vermeintlichen Gegenspieler. Die Ähnlichkeit geht so weit, dass der Wucherer sie als Partner bezeichnet und irgendein Vertrag abgeschlossen wird. Das Gute und das Böse mögen lediglich durch den Menschen existieren, doch ein stärkerer Kontrast zwischen Hell und Dunkel wäre hier wünschenswert. Gar Gretchen, das unschuldige Mädchen, gliedert sich in das finster überzeichnete Welt- und Menschenbild ein und wird selbst zur teuflischen Verführung. Wo die literarische Vorlage des Universalgelehrten mit höchster Motivation nach Wissen strebt, scheint die Filmfigur aus Geldmangel und Hunger umtrieben zu sein.
Sokurovs „Faust“ ist ein aufwendig produzierter Langfilm, der mit beeindruckenden Drehorten aufwartet und mit viel Liebe zum Detail ausgekleidet ist – aber ohne nachvollziehbaren Tatendrang der Charaktere auskommt. Wem es gefällt…

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