Rotwein und Meeresluft
[cinema of the world „Le Havre“]

Le Havre ist das französische Pendant zu Liverpool. Ein Hafen mit tristen Lagerhäusern, grauer Atmosphäre und spektakulären Exporten: In England die Beatles, in Frankreich Aki Kaurismäkis ergreifendes Drama.

Szene aus dem Film "Le Havre"
Foto: Sputnik OY, Pandora

Marcel Marx (André Wilms) ist Schuhputzer. Täglich treibt er sich in den trostlosen Gassen herum – auf der einen Schulter sein Putzköfferchen hängend, auf der anderen der Hocker und immer einen passenden Spruch auf den Lippen. Obgleich die Schuldenliste bei Bäcker, Gemüsehändler und Bistrobesitzerin länger als ein französisches Baguette ist, wird er gemocht und findet Unterstützung. Unterstützung braucht auch Idrissa (Blondin Miguel), der sich illegal in Frankreich aufhält. Ohne lange zu zweifeln versteckt Marcel ihn bei sich zu Hause. Dort ist momentan mehr Platz als sonst, denn seine Frau Arletty (Kati Outinen) liegt schwerkrank im Hospital.

Obwohl der afrikanische Flüchtling und der vom Leben gezeichnete Ex-Autor auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemeinsam haben, befinden sie sich in einer ähnlichen Situation: Sie wissen nicht, was der nächste Tag für sie bereithält und wohin die sanfte Meeresluft sie treiben wird. Marcel hat nichts – und gibt doch Alles für Idrissa.
„Le Havre“ findet die richtige Balance zwischen schneller Handlung und langsamen Schnitten, zwischen seichten Dialogen und tiefschürfenden Gesprächen. Die Schauspielkünste sind genauso ergreifend wie die Blicke der Flüchtlinge. Das farbliche Konzept schafft eine Atmosphäre, als spiele der Film lange vor 2011. Automatisch versetzt man sich in Marcel, um zum Schluss zu kommen, dass er das einzig Richtige tut. Der Betrachter riecht sein Rasierwasser förmlich in der Nase, fühlt den Stoff von Arlettys Kleid zwischen den Fingern und schmeckt den Rotwein auf der Zunge. Auch nach der 93. Minute bleibt die Erkenntnis, wie wichtig Menschlichkeit, Vertrauen und Zusammenhalt sind.

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