Erbarmungslose Wirklichkeit
[Interview mit Winfried Glatzeder]

Winfried Glatzeder ist auf dem filmkunstfest ausgesprochen gut repräsentiert: Er ist Kurzfilmjuror, am Mittwoch lief der DDR-Klassiker „Die Legende von Paul und Paula“ und gestern Abend las er im Capitol aus seiner Autobiografie „Paul und ich“. Wir trafen ihn vorab zum Interview im InterCityHotel.

Interview mit Winfried Glatzeder
Foto: blende2komma2

Herr Glatzeder, Sie sind dieses Jahr zum ersten Mal Mitglied der Kurzfilmjury. Wie ist es für Sie, als Schauspieler auf der anderen Seite zu sitzen und Filme zu beurteilen, statt selbst mitzuwirken?

Es ist natürlich einfacher, darüber zu urteilen, als es selbst zu machen. Deshalb bin ich aber auch sehr vorsichtig. Wir haben zehn Filme gesehen und unter diesen zehn haben wir die gefunden, die uns am originellsten und überraschendsten erschienen.

Was macht für Sie einen guten Kurzfilm aus?

Da es sich meistens um Absolventen von Filmakademien handelt, sagt man gern: wenig Geld, viel Fantasie. Es ist die Chance, alles machen zu können. Man hat keine Beschränkungen, außer man setzt sich selbst Denkbarrieren. Andererseits: Kurzfilme sind noch schwieriger, weil man eine Geschichte pointiert in zehn Sätzen erzählen muss. Man hat keinen Raum und kein Geld, um viel zu labern, sondern muss sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist sicher eine große Schwierigkeit.

Was ist Ihnen dabei besonders wichtig? Was muss ein Kurzfilm haben, damit er aus der Masse hervorsticht?

Ich hoffe immer auf eine besondere Sicht auf unsere Zeit, auf unsere Welt, auf unser Leben. Jede Geschichte an sich ist irgendwie besonders, aber komischerweise auch so, dass ich denke: Das hab ich alles schon gesehen. Ich lauer immer auf Überraschungen, wenn ich mit Humor und Witz hinters Licht geführt werde. Das ist schön. Das Leben ist ja auch so: Du gehst aus dem Haus, stolperst und rutscht auf ‘ner Bananenschale aus. Die Wirklichkeit schlägt erbarmungslos zu.

Sie haben eben von Denkbarrieren gesprochen. Wo kommen diese her?

Das hängt stark von der Erziehung ab. In unserem Leben ist es schwierig, den Alltag zu bewältigen. Eingefahrene Rhythmen sind wichtig, um das alles durchzustehen. Das geht schon mit dem Zähneputzen los. Ob Kindergarten, Schule oder Studium – das Pensum an Lernstoff ist so groß, dass die Fantasie dabei völlig hops geht. Wenige erhalten sich das, was Kinder eigentlich haben. Kinderbilder haben einen so schönen Rausch der Farben, der Dynamik. Sie sind eine Abstraktion, die wahnsinnig ist und man sieht sofort, was gemeint ist.

Dürfen Kurzfilme denn auch schön sein?

Ja, natürlich. Das war letztens bei einem Kurzfilm ganz schön: Ein blondes Mädchen in einem Kindergarten. Sie hat eine Grube gegraben, vier kleine, schwarze Katzenbabys reingelegt und sie lebendig vergraben. Das ist außer der Norm.
Ich bin eher ein praktischer Mensch. Als ich meine Autobiografie „Paul und ich“ geschrieben habe, habe ich anderthalb Jahre gekämpft. Ich habe Hochachtung vor einem Autor, der da sitzt und sich zwei oder drei Jahre mit 600 Seiten abquält. Das ist wirklich eine gigantische Arbeit. Bei meiner Diplomarbeit war es so: Ich habe 60 Seiten geschrieben, mein Dozent kam zu mir und meinte: Ist alles scheiße. Danach waren es nur noch 15 Seiten. Dabei ging es eben um einen Kurzfilm. Noch heute wird die Diplomarbeit oft aus der Bibliothek der Filmhochschule ausgeliehen und wie eine Kochanleitung benutzt. Sie scheint also ganz interessant zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.