Eine Brücke zwischen Amerika und Russland [Interview Stefan Fichtner]

Stefan Fichtner, künstlerischer Leiter des Festivals, erklärt im filmab!-Interview, warum Israel in diesem Jahr als Gastland vertreten ist.


Herr Fichtner, dieses Jahr ist Israel das Gastland des filmkunstfestes. Zu welchem Anlass wurde die Auswahl getroffen?
Es lag einfach in der Luft. Wir haben uns 2009 mit Amerika beschäftigt, im nächsten Jahr wird Russland das Gastland sein. Israel hat ja sowohl mit den USA als auch mit Russland ganz viel zu tun. Und schafft somit eine Brücke. Da aktuell im Nahen Osten sehr viel passiert, hat das unseren Fokus natürlich noch mal bestärkt.

In einen früheren Pressebericht erwähnten Sie, Israel aus verschiedenen Blickrichtungen darstellen zu wollen, um dabei über die gängigen Klischees hinauszugehen.
Das Schwierige bei der Auswahl der Reihe ist, dass man sofort mit bestimmten Themen konfrontiert wird, mit denen man Israel automatisch in Verbindung bringt. Das sind natürlich vorrangig die Juden und der Israel-Palästina-Konflikt. Man hätte das Gefühl, man müsste es irgendwie abarbeiten. Eben das, was man von den Medien ständig zu hören bekommt.
Was ich aber persönlich sehr interessant fand, ist, dass Israel durch die Migration multiethnisch aufgestellt ist. Es gibt einfach wahnsinnig viele Volksgruppen. Einige Filme im Programm beschäftigen sich mit diesem Thema.

Das Thema Immigration haben Sie gerade erwähnt. Welche Filme thematisieren diesen Aspekt?
„Yolki Palki“ beschäftigt sich mit der Integration von ehemaligen Einwanderern aus der Sowjetunion. Da gibt es ganz viele, sehr spannende Lebensgeschichten. Nach dem Einbruch der Sowjetunion gab es riesige Einwanderungswellen. Russisch ist mittlerweile die zweite Verkehrssprache in Israel.
Ich denke, das sind Dinge, die nicht so stark im öffentlichen Bewusstsein sind. Wir zeigen diesen Film im Zusammenhang einer Diskussion mit der Jüdischen Gemeinde Schwerin, die auch sehr stark russisch geprägt ist. Am Sonntag werden auch einige Gemeindemitglieder im Podium sitzen.

Gibt es auch kontroverse Beiträge im Programm?
„Ajami“ ist ein gutes Beispiel für solch einen Film. Es ist ein äußerst spannender Thriller. Bei der Oscarverleihung weigerte sich der palästinensische Regisseur jedoch, mit diesem Film Israel zu präsentieren. Das hat für einen Skandal in Israel gesorgt.

Dabei kommt man zwangsläufig dazu, den Konflikt anzusprechen. Stellt das filmkunstfest eher eine pro-israelische Sicht des Landes da?
Erst einmal vorweg: Wir wollen es nicht bewerten. Wir versuchen, ein Land in verschiedenen Facetten vorzustellen – in Filmen, Gesprächsrunden und Vorträgen die Menschen mehr kennenzulernen. Natürlich war es eine schwierige Frage: Wie geht man mit dem Israel-Palästina-Konflikt um? Wir haben dafür eine sehr offene Form gewählt. Bei der Dokumentation „Asurot – Eingeschlossen“ geht es um ein Haus in Hebron, das genau auf der Grenze steht. Dabei wird das Treppenhaus ständig von Milizen patrouilliert. Das ist ein ganz verrückter Zustand.
Im Anschluss findet am Freitag eine Podiumsdiskussion statt. Dabei wird thematisiert, wie der Konflikt in israelischen Medien kommentiert wird. Wir haben israelische und palästinensische Journalisten, eine israelische Filmverleiherin und natürlich die Regisseurin selbst eingeladen. Ich hoffe, dass die Diskussion breiter wird, verschiedenen Meinungen Raum bietet und die alteingesessene, antiisraelische Sicht der DDR weichen könnte.

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