„Schauspieler ist wirklich ein sauharter Beruf“ [Interview Knut Elstermann]

Kino King Knut über die eigene Kindheit in Ost-Berlin, das journalistische Mitteilungsbedürfnis und Erfahrungen vor der Kamera

 

Donnerstagabend, 23:15. Warten auf Knut Elstermann, Autor, Filmkritiker und langjähriger Moderator des Filmtalks beim filmkunstfest. Draußen vor dem Festivalzelt im Hof des Capitols gießt es aus Strömen. Vereinzelte Personen harren mit ihrem Bier an der Bar aus und trotzen der Kälte.
„Bin gleich da,“ schreibt Knut per SMS. Wenig später schütteln wir uns die Hände und nehmen auf einer der Bierzeltgarnituren Platz.

 

Seit 1998 moderierst du den Filmtalk. Gibt es ein besonderes Ereignis, an das du dich gerne zurück erinnerst?
Nein, das kann ich so nicht sagen. Es ist eigentlich immer interessant und ich freue mich auf jeden Abend, die Nähe zu den Filmemachern und Schauspielern. Ich würde jetzt keine Person besonders herausheben wollen, aber ich denke gerne zurück an Nachtgestalten mit Andreas Dresen. Das war 1998. Ich hatte das Making-Off gemacht und war sehr oft am Set. Da hat es mich natürlich gefreut, als der Film dann auch einen Preis gewonnen hat. Nachher gab es eine große Runde mit allen Schauspielern. Das war wirklich ein schöner, runder Abend.

 

Dieses Jahr wurde das Festival mit Boxhagener Platz von Matti Geschonnek eröffnet. Wie hat dir der Film persönlich gefallen?
Der Film passt mit seiner Ost-Thematik nach Schwerin. Man kann sich allerdings darüber streiten, ob man einen Film, der schon im Kino gelaufen ist, als Eröffnungsfilm nehmen muss. Mir hat er aber trotzdem sehr gut gefallen. Die ersten 30 Minuten sind wirklich stark. Danach fällt der Film leider ein wenig in sich zusammen, wird dann aber von den wirklich guten Schauspielern getragen. Samuel Schneider in der Rolle Holgers hat mir gut gefallen, obwohl der ja eigentlich nicht mehr zu tun hat als erstaunt zu gucken, was seine Oma so treibt.

 

Du bist fast der gleiche Jahrgang wie Torsten Schulz. Was ist deine prägnanteste Erinnerung an damals?
Ich bin ja nicht wie er in Friedrichshain aufgewachsen, sondern in Prenzlauer Berg. Meine Erinnerungen, an die Wohnungen zum Beispiel, sind trotzdem ganz ähnlich. Ich hatte auch so eine starke Großmutter, wie die, die im Film geschildert wird. Sie war vielleicht ein wenig liebevoller, aber sie hatte auch diese unglaubliche Kraft, die die Frauen nach dem Krieg hatten. Übrigens liegt sie auf dem selben Friedhof, der auch Schauplatz des Films ist. Das hat mich persönlich ein bisschen berührt.
Was der Film sicherlich auch sehr schön zeigt, ist, dass die DDR ein Land war, in dem die Zeit still stand. Im Prenzlauer Berg der 60er Jahre gab es kaum Autos. Man konnte ungestört Murmeln auf der Straße spielen. Es war wirklich Nachkriegszeit, was einem erst später erschreckend bewusst wird. Als ich geboren wurde, war der Krieg erst 15 Jahre vorbei.

 

Letztes Jahr ist dein Buch „Klosterkinder“ erschienen. Es behandelt die Geschichte des Berliner Gymnasiums Zum Grauen Kloster. In deinem ersten Buch „Gerdas Schweigen“ geht es um Holocaust-Erinnerungen. Weshalb interessierst du dich für historischen Stoff?
Ein Romanautor schreibt vielleicht in erster Linie für sich, als Journalist hat man ein anderes Mitteilungsbedürfnis. Meine Texte sind keine literarischen. Ich behandle Themen, von denen ich denke, dass sie die Leser interessieren. „Gerdas Schweigen“ wurde sogar verfilmt und hat letztes Jahr beim filmkunstfest den ersten Publikumspreis überhaupt gewonnen.
Mein Zugang sind in erster Linie persönliche Stoffe, also meine eigene Familiengeschichte. Bei „Gerdas Schweigen“ waren es vor allem meine Großmutter und das Verhältnis zu Gerda, meiner Nenn-Tante. „Klosterkinder“ erzählt die Geschichte und Entwicklung meiner eigenen Schule.

 

Du standest in deiner Laufbahn auch selbst schon vor der Kamera. Hat deine Arbeit als Filmkritiker davon profitiert?
Eigentlich nicht. Dazu war es viel zu kurz. Ich war allerdings nach dem Abitur eine Zeit lang Aufnahmeleiter bei einer Produktionsfirma des DDR-Fernsehens. Allerdings denke ich nicht, dass man deshalb einen Film besser oder schlechter beurteilt. Der Zuschauer im Kino sieht ja auch nur das Produkt, aber es ist schon interessant, die Hintergründe zu kennen.

 

Mit dem Gedanken Schauspieler zu werden hast du nie gespielt?
Nein, ich würde auch jedem davon abraten. Schauspieler ist wirklich so ein sauharter Beruf voller Abhängigkeiten. Wenn man sich die vielen jungen, sympathischen Schauspielern anguckt – und wie viele davon sieht man wieder? Wer nicht ganz oben an der Spitze steht, hat es wirklich
sausauschwer. Ich würde es meinen eigenen Kindern verbieten. (lacht)

Ein Kommentar

  1. Tolles Interview. Gerade die Antwort auf die letzte Frage würde ich sofort unterschreiben. Leider haben die meisten jungen Menschen ein völlig verklärtes Bild vom Beruf des Schauspielers. Wenn überhaupt, würde ich jedem, der es trotzdem probieren will, zu einer grundständigen, seriösen Schauspielausbildung raten. Das ist zwar keine Erfolgsgarantie, aber eine solide Basis, auf der sich mit viel Glück, Schweiß und harter Arbeit vielleicht etwas aufbauen lässt.

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