Schrei so laut du kannst [DF Hochburg der Sünden]

Rund 20 selbstbewusste, junge Frauen stehen in einer großen Runde zusammen. Allesamt mit langen dunklen Haaren und fast schwarzen Augen, aus denen sich viel erzählen lässt. Ob sie schon Gewalt zu spüren bekamen, die von einem Mann ausging, werden sie gefragt. Sie sollen an einen Moment denken, in dem sie unterdrückt und gedemütigt wurden. Sie sollen schreien, fluchen, ihre Wut herausbrüllen. Sie beginnen leise, werden lauter. Lauter und lauter.

Als Zuschauer des Dokufilms Hochburg der Sünden bekommt man glatt selber Angst vor diesen vor Zorn überbrodelnden Frauen. Mit seiner Kamera verfolgte der Filmemacher Thomas Lauterbach die Proben für das neue Theaterstück „Medea“ – „die Frau“. Ein Projekt des Stuttgarter Theaters, das Laiendarstellerinnen mit türkischen Wurzeln auf die Bühne locken soll. Das Experiment glückt – doch die Wut bleibt: Sie lässt sich nicht einfach ablegen wie ein Kostüm, in dem man sich nicht mehr wohlfühlt. Spannungen bleiben nicht aus: Denn wenn Frauen mit so verschiedenen Auffassungen über Männer und Religion zusammentreffen, ist Streit vorprogrammiert. So kann die gläubige Kopftuchträgerin Aysel über Annabellas Einstellung zu Sex nur den Kopf schütteln: „Wenn ich ’n Typen hatte und dann wieder solo bin, dann ruf ich ihn an und sag: ‚Hey, ich bin gerade notgeil!‘ Danach kommt er, wir schlafen miteinander und dann geht er wieder.“ Trotzdem wurde „Medea“ bis zum letzten Tag durchgezogen – am Premierenabend füllte sich der Theatersaal bis auf den letzten Platz.

Die türkischen Klänge sind zwar ungewohnt, zaubern mit den traditionellen Tänzen aber ein mitreißendes Feeling. Von den anfänglichen Zweifeln bis zur stolzen Freude begleitet der Film die Frauengruppe hautnah in ihren Entwicklungen, ihren Konflikten, ihren gemeinsamen Erfolgen. Was bleibt, ist ein interessanter Einblick in das Zwischen-den-Fronten-Leben der deutsch-türkischen Kultur.

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