„Ich suche die Filme nicht, sie kommen zu mir.“ – Interview mit Andreas Dresen

Mittwoch früh im Foyer des Capitols: Andreas Dresen und Interviewerinnen verstecken abwechselnd jedes Anzeichen von Müdigkeit hinter dampfenden Kaffeetassen.

Hallo, Herr Dresen. Haben Sie gut ausgeschlafen?

(Anm. d. Red.: Andreas Dresen wurde Montagabend mit dem Film- und Medienpreis ausgezeichnet.)

Es geht so. Ist ein bisschen später geworden.

Was für eine Bedeutung hat dieser Preis für Sie?

Das ist was ganz anderes, als einen Deutschen Filmpreis zu bekommen. Ich bin in Schwerin aufgewachsen und in diesem vertrauten Umfeld berührt mich diese Ehrung sehr.

Dann kommen Sie gern Anfang Mai nach Schwerin und treffen alte Freunde wieder?

Ich bin von Anfang an dabei gewesen. Damals hatte mein Film „Stilles Land“ im Rahmen des filmkunstfests 1992 Premiere.

Hat Ihre Liebe zum Film denn hier ihren Ursprung?

Ja, als Schüler habe ich mit meinen Freunden in Schwerin erste Amateurfilme gedreht.

Was für Filme waren das?

Geschichten aus dem Alltag: Ein altes Ehepaar möchte essen gehen und kriegt in einem Lokal keinen Tisch mehr, im nächsten ist alles reserviert und schließlich gehen sie wieder nach Hause und essen dort.

Sie haben zu DDR-Zeiten in Potsdam-Babelsberg Regie studiert. War es schwer, an diesen Studienplatz zu kommen?

Nach Bewerbung und Eignungsgespräch bekam ich ´82 einen Volontariatsplatz in den DEFA-Studios, der Zugangsvoraussetzung für das Studium war. Danach machte ich meinen Wehrdienst bei der NVA, um ´85 nach einer weiteren Eignungsprüfung endlich das Studium anzufangen. Es war nicht leicht.

Und wie kommen Sie an die Stoffe, die Sie verfilmen?

Ich suche die Filme nicht, sie kommen zu mir. Ich weiß auch nicht mehr, was der eigentliche Impuls für „Wolke 9“ war. Manchmal kommen Angebote, die ich interessant finde und die persönliche Situation spielt ebenfalls mit rein. (Sein Telefon klingelt. Es geht um seinen Film „Wolke 9“.) Seit „Wolke 9“ betrachtet man mich als Spezialist für Alterssex. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist.

Ihr neuer Film „Whisky mit Wodka“ spielt sozusagen an Ihrem Arbeitsplatz. Hat es Spaß gemacht, sich selbst mal aufs Korn zu nehmen?

Die Geschichte um den trinkenden Schauspieler, der mit einem Ersatzschauspieler am Set unter Druck gesetzt wird, bildet nur den Rahmen. Es ist auch keine bloße Selbstreflektion, es geht um Menschen. Und Spaß war auch dabei.

Wenn Sie sich die deutsche Filmlandschaft ansehen, insbesondere die Jugend, was denken Sie dann?

Das ist eine breite Palette mit Leuten, die ganz unterschiedliche Handschriften haben. Zum Beispiel finde ich den Film „Kopfgeburtenkontrolle“ von Jan Riesenbeck großartig, denn er behandelt ein wichtiges Thema und findet einen außergewöhnlichen Weg, seine Geschichte zu erzählen.

Was würden Sie jungen Filmemachern mit auf den Weg geben, die gern Regisseur oder Kameramann werden wollen?

Drehen. Heutzutage genügen eine kleine Kamera und ein Computer zum Schneiden des Materials, um einen Film zu machen. Das ist sehr viel unkomplizierter als die Arbeit mit Super-8-Filmen. Es braucht natürlich Mut, in den eigenen Alltag zu gehen, doch jeder Versuch ist mit der Möglichkeit des Scheiterns verbunden.

Sehen Sie sich denn ein paar Filme auf dem filmkunstfest an?

Deswegen bin ich hier. Ich muss jetzt noch ein bisschen arbeiten und dann werde ich ganz viel im Kino sitzen.

Das ist die richtige Einstellung. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Capitol ist in den letzten 40 Minuten lebendig geworden. Ein jeder geht frisch an die Arbeit. Herr Dresen ist bereits beim nächsten Termin und wir – beeindruckt.

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