Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne (SF Liebe und andere Verbrechen)

Der Blick nach vorne, nach hinten, zu den Seiten – überall offenbart er dieselbe Tristesse: graue Neubauten, die sich bis über den Horizont hinaus zu erstrecken scheinen; bleierner Beton, der jeglichen Versuch ihm zu entfliehen schon im Ansatz zu erdrücken weiß. Nur der sich manchmal über den Schluchten aus Hochhäusern auftuende Himmel lässt die Ahnung einer anderen Welt zu. Und vielleicht war es ja ebendieser Himmel und der dort einsam seine Bahnen ziehende Vogel, der in Anica das Fernweh weckte. Er ließ sie den Hauch eines anderen Lebens spüren – weit entfernt von der Statik des Belgrader Viertels, das einzig durch die um Schutzgelder konkurrierenden Gaunerringe auf zweifelhafte Art und Weise belebt zu sein scheint.

Fernweh

Dem Verlangen ein solches, neues Leben kennenzulernen, folgt Anica, die Protagonistin von Stefan Asenijevics ‚Liebe und andere Verbrechen‘. Sie wagt den Aufbruch. Doch einem jeden Neuanfang geht ein Abschied voraus und manchmal entfaltet dieser magische Wirkung. Das Wissen um die baldige Abwesenheit eines geliebten Menschen befähigt uns zu nie gekannter Ehrlichkeit – ja, gibt uns den Mut, Dinge zu offenbaren, über die sonst Stillschweigen bewahrt worden wäre. Und so gesteht Stanislav, der mittlerweile erwachsene Ziehsohn von Anicas Freund Milutin, ihr seine langjährige Liebe. Er führt sie an Orte gemeinsamer Erinnerungen; erzählt von Prügeleien, die einzig ein Vorwand dafür waren, sie sehen zu können oder erinnert sich an den Augenblick, an dem er begann, sie zu lieben. Allmählich, unter dem Vorzeichen der baldigen, einschneidenden Veränderung und forciert durch das Bewusstsein, dass morgen schon alles anders sein wird, nähern sie sich an. War es jedoch zuerst noch Stanislavs Plan gewesen, Anica in die Fremde zu begleiten, so erkennt er bald, dass er die Kraft für einen solchen radikalen Schritt nicht aufbringen kann; zu fest ist seine Verankerung in dem Viertel. Was gerade erst begonnen hat – die zart aufkeimende Liebe zwischen den beiden – droht an der Grenze der Hochhäuser, die zu überschreiten nur einer von ihnen bereit ist, zu zerbrechen. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz wird der sich im Laufe des Filmes immer wieder über die Plattenbauten erhebende Vogel im ebenso bedrückenden wie beglückenden Ende des Filmes eine Entsprechung finden.

Nimm Abschied Herze und gesunde

Das besondere der zarten, voller Leichtigkeit erzählten Geschichte Asenijevics ist es, dass sie es schafft, einen Abschied ohne jegliche Verbitterung zu zeigen. Keinerlei Missgunst herrscht zwischen den liebevoll gefilmten Figuren; viel mehr legt Milutin Anica, von deren Plänen sein Solarium auszurauben er weiß, nur noch mehr Geld in den Safe. Und so erweckt ein Film – angesiedelte in einer mehr als tristen Umgebung – plötzlich ein wenig Hoffnung. Trotz der immer wieder harten Einschläge der Realität, glaubt man auf einmal erkennen zu können, wie viele Möglichkeiten uns noch offen stehen, wenn wir uns nur trauen; glaubt man, verstehen zu können, dass nichts so desillusionierend sein kann, dass es Resignation rechtfertigen würde.

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