Keiner lehrt mich zu vergessen (SF Novemberkind)

Leise gleitet das Boot auf dem ruhigen weiten See dahin. Der graue Himmel ist bedeckt und wird beinahe eins mit dem tiefblauen Wasser. Ein einsamer Vogel fliegt vorbei. Im kleinen Ruderboot sitzen die 25-jährige Inga (Anna Maria Mühe) und der Literaturprofessor Robert (Ullrich Matthes), der nicht ohne Hintergedanken in das mecklenburgische Dorf Malchow gekommen ist. In einem seiner Seminare hat er Anne (ebenfalls gespielt von Anna Maria Mühe) kennengelernt, deren Geschichte ihn faszinierte. Es stellt sich heraus, dass diese Frau Ingas Mutter ist, die 1980 in der DDR den russischen Deserteur Juri versteckte und mit ihm zusammen flüchtete. Zurück ließ sie ihre sechs Monate alte Tochter Inga, die dann bei ihren Großeltern aufwuchs und nichts von der Vergangenheit ihrer ihr unbekannten Mutter weiß.


Christian Schwochows Drama „Novemberkind“ ist kein weiterer Ostfilm, sondern ein Film über die Suche nach den eigenen Wurzeln und der Identität. Umgesetzt wird dies unter anderem durch den Einsatz verschiedenster Kameraperspektiven und Bildkompositionen, die dem Zuschauer sehr schöne und frische Bilder bieten. Eine Autobahnfahrt beispielsweise zeigt Fragmente der Landschaft, der Häuser, der Strommästen. Man wird immer daran erinnert, dass dies kein hochprofessioneller, massentauglicher Film ist. Und das ist auch gut so, denn sonst würde die große Aussagekraft einzelner Bilder wahrscheinlich fehlen.

Deutlich gemacht wird vor allem die Entwicklung der Beziehung zwischen Robert und Inga, es bleibt jedoch bei einigen prägnanten Schlüsselszenen. An überraschenden Wendungen fehlt es so des öfteren und auch das offene Ende lässt dem Zuschauer, entgegen der ersten Annahme, eher weniger Freiraum zum Weiterdenken und schließt klar ab mit der Beziehung der beiden Reisenden. Begleitet wird der Film von einer einfachen zurückhaltenden Instrumentalmusik, die einzelne Szenen passend untermalt und die Bilder weiterhin für sich sprechen lässt.

Christian Schwochow verarbeitet in seinem Diplomfilm auch seine eigene Kindheit, in der er nach der Ausreise seiner Familie in den Westen als Ostkind in der Schule das System der DDR verteidigte. Als Publikumsfavorit des Filmfestival Max Ophüls Preis 2008 thematisiert „Novemberkind“ auf eine sehr interessante Weise die Frage, ob man mit einer Lüge leben will oder ob man stattdessen die Wahrheit einfordert, auch wenn sie schmerzhaft sein könnte. Ein großer See kann so zum Motiv werden für die Freiheit, zu entscheiden, ob man sich seiner Vergangenheit stellen will oder nicht.

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