Ein Strauß Psychodrama gefällig? (SF Weiße Lilien)

„Neustadt – die sichere Stadt in einer immer unsicherer werdenden Welt.“ Die Sonne geht auf hinter den eindrucksvollen Wohnhäusern des Drehorts Alt Erlaa. Die Worte des Sprechers, der eine „neue Stadt für neue Menschen“ anpreist, werden von der pathetischen Musik noch unterstützt. Das Leben der 50 000 Einwohner scheint ausgelassen und ungetrübt, nur einzelne kleine Sequenzen verraten dem Zuschauer in den ersten Minuten des Films ‚Weiße Lilien‘, dass hier etwas nicht stimmen kann: Hannah (Brigitte Hobmeier) bricht während der Arbeit zusammen, später unter der Dusche teilt ihr eine Computerstimme mit, dass ihr Wasserkontingent erschöpft ist.

Die permanente Überwachung der Neustädter steht auf der Tagesordnung, um das Image der sicheren Stadt zu erhalten. Im Fernsehen wird trotzdem erstaunlich viel berichtet über Terroranschläge, menschenfressende Hunde und Selbstmorde. Das Büro für innere Sicherheit, in dem Hannah arbeitet, kann daran auch nicht viel ändern. Nach dem Umzug aus der Wohnung ihres gewalttätigen Ehemanns Branco (Xaver Hutter) in das ehemalige Appartement einer Selbstmörderin, findet sich Hannah wieder in einem Strudel aus Paranoia, Manipulation und surrealer Traumwelt. Wie ihr Mann umkommt oder wer den Gründungsvater der Stadt umbringt, ist ihr nicht mehr klar. Hannah verliert das Vertrauen zu ihren Mitmenschen, darunter ihr Liebhaber Hauks (Martin Wuttke) und ihre Freundin und Arbeitskollegin Paula (Walfriede Schmitt). Auch tritt Anna (Johanna Wokalek) in das Leben Hannahs und die beiden gegensätzlichen Frauen verschmelzen mit der Zeit zu einer Person.

Ein Strudel aus Paranoia, Manipulation und surrealer Traumwelt

Der Film ist als Visualisierung der Gedankenwelt einer paranoiden jungen Frau gedacht. Nach Aussagen des Regisseurs stellt er keine psychologische Fallstudie dar, sondern soll den Unterschied zwischen Realität und innerer Befindlichkeit einer Person deutlich machen. Die gigantische Wohnanlage Alt Erlaa steht dabei im krassen Gegensatz zum klaustrophoben dunklen Interieur im Stil der 70er Jahre. Insgesamt spielt die beeindruckende Architektur in diesem Film eine große Rolle, kann aber leider kaum hinwegtäuschen über die außerordentliche Langatmigkeit. Dem als Thriller angepriesenen Streifen mangelt es deutlich an dramatischen Elementen. Der episodenartige Stil von ‚Weiße Lilien‘ stiftet weitere Verwirrung und macht es manchmal schwer, aufeinander folgende Szenen im Kopf zusammenzufügen. Christian Froschs Film, der als Deutschlandpremiere in Schwerin aufgeführt wird, ist verworren. Erst nach mehrmaligem Anschauen geht dem Zuschauer ein Lichtblitz auf. Er erhält nach und nach einen Einblick in die Machenschaften des totalitären Kleinstaates mit dem Namen „Neustadt“.

Ein Kommentar

  1. Verstehe die Kritik an diesem Film in keiner Weise. Ich fand ihn mit Abstand den spannendsten Film auf dem Festival und hätte ihm den Preis gekrönt. Endlich ein deutschsprachiger Film mit internationalem Format, der andere Wege beschreitet.
    Tolle Schauspieler, tolle Musik, eindrucksvolle Bilder und eine atmosphärische Dichte, die einem den Atem nimmt. Wie kann man da auf langatmig kommen. War in jeder Minute gebannt und fasziniert. Man fragt sich ob der Autor/Autorin jemals Filme von David Cronenberg, David Lynch oder Roman Polanski,David Fincher, usw. gesehen hat. Es ist ein Film auf der Höhe der Zeit und nur Ignoranten können übersehen, daß das sog. „Verworrene“ Teil der Strategie ist. Der Film hat ein Geheimnis, ein beunruhigendes. Einer der besten Filme, die ich seit langem sehen durfte. Hingehen. Ansehen! Klaus Kärmer

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