Der Raum tanzt – Quartett Urban

Sie hetzen, zucken, rennen, kriechen, springen

IMG_2760.JPGZwei Plastikfolien bedecken den Boden der weiträumigen Bühne. Unter ihnen lassen sich schemenhaft die Umrisse zweier Frauen ausmachen. Und was eben noch ruhte, gerät plötzlich in Bewegung. Begleitet von dissonanten Bratschenklängen beginnen die Frauen und mit ihnen ihre künstlichen Umhüllungen hin und her zu rollen. Sie gleiten über die Bühne, kämpfen verzweifelt mit den ihre Körper einschließenden Hüllen aus Plastik, und können diesen schließlich entfliehen. Was nun folgt, ist ein Rausch des Tanzes. Die beiden Tänzerinnen Jana Lück-Pusch und Antje Reinhold hetzen, zucken, rennen, kriechen, springen – kurz: tanzen – zur Musik von Reinhard Lippert über die Bühne. Einzig eine Improvisationseinlage Lipperts bremst den Strom der Bewegung, der daraufhin aber umso kraftvoller Bahn bricht, um nach einer halben Stunde schließlich in immer spärlicher werdenden , langsamen Gesten zu verebben.

Tanz ist etwas so urtümliches, dass kaum jemand in der Lage ist, sich ihm zu entziehen. Die Geschmeidigkeit der Glieder, die Ausdrucksstärke, die in einer einfachen Armbewegung liegen kann, lassen niemanden unberührt. Auch „Quartett urban“, das Tanz- und Musikstück der oben erwähnten Künstler, profitiert von diesem Fakt. Begeistert wurde es gestern Abend im Wurm von den Zuschauern, die so zahlreich erschienen waren, dass zusätzliche Stühle herangeschafft werden mussten, aufgenommen. „Quartett urban“ – das steht nach Aussage der Urheber zum einen für die vier am Projekt Mitwirkenden, als auch für die Hauptthematik des Stückes: den städtischen Raum. Wer bei der eben erfolgten Zahlenangabe stutze, der hat mit seiner Verwunderung nicht ganz Unrecht, denn schließlich war bisher immer nur von drei Künstlern die Rede. Daher muss hinzugefügt werden, dass die Macher nach eigener Angabe den Raum als solchen zum vierten Beteiligten an der Performance erhoben haben. Diese im ersten Augenblick absurd scheinende Aussage findet ihre Erklärung in dem Grundkonzept des Projektes.

Der Raum als Motivation zum Tanz

So soll zum einen der Tanz Räume kreieren und zum anderen der Raum als Motivation und Anregung für die Bewegung dienen. Auch die Musik Lipperts möchte diesen Vorgaben entsprechen, ergeht sich aber leider viel zu oft in atonalen, schwer verfolgbaren Tonreihen, die der Musiker seiner Bratsche nahezu in die Saite zu sägen scheint. Doch welche Idee nun zur Konzeption des Stückes anregte oder welche Theorie seine Grundlage bildete, ist letztlich irrelevant. Wichtig ist, was transportiert wird und das ist weniger die besagte Auseinandersetzung mit dem Raum, als vielmehr eine Laudatio auf den menschlichen Körper, dessen Dynamik und vor allem dessen Schönheit während der Bewegung.

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