Zur falschen Zeit am falschen Ort

Die komplette Ausstellung als Panorama

George W. Bush: klein und bucklig, sein Gesicht halb verdeckt von dem Rücken seiner Stenographin, seine Hand krampfhaft gekrallt in deren Oberarm; ihre Gesichtszüge drohen zu entgleisen, sind vor Erschrecken verzerrt. Auf einem anderen Foto: eine junge Frau, ihr Blick verträumt nach unten gerichtet, ihr Gesicht spinnennetzartig von ihren Haaren bedeckt.

Beide Fotos (Khue Bui „Bush & Stenographer“, Jafin Kampani „Entrapped?“) sind im Rahmen der Ausstellung des „Pilsner Urquell International Photography Awards“ in der Wurmpassage zu sehen. Es sind 26 wundervolle Bilder. Sie gehen nahe, manchmal belustigen sie, manchmal bestürzen sie, doch immer berühren sie. Um so trauriger also, dass die Atmosphäre des Ausstellungsraumes und die Präsentation der Objekte diesen in keiner Weise gerecht wird. Unerträglich laut schallen aus der Wurmpassage schlechte Covermusik und Gesprächsfetzen herüber. Selbst beim Willen zur eingehenden Betrachtung kommt man nicht umhin, immer wieder abgelenkt zu werden und genervt den Blick vom Bild abzuwenden. Auch die Alternative, die Ausstellung am verhältnismäßig ruhigeren Nachmittag zu besuchen, entfällt, da diese ihre Pforten erst um nachtschlafende 22 Uhr öffnet.

Jule beim Studieren der FotosUnter den Fotos stehen Bildkommentare. Zuoberst der unsagbar nichtssagende Satz: „best of shown images“, darunter Name des Künstlers, Titel des Bildes und schließlich ein kurze Anmerkung zum Foto inklusive Pilsner Urquell Logo. Die Entstehungsgeschichte eines Fotos zu dokumentieren ist spannend, unter ein Kunstwerk sofort Deutungsschemen und Interpretationsansätze zu stellen, ist jedoch überflüssig und spannungslos. Das oben beschriebene Bild „Entrapped?“ beispielsweise ist kommentiert mit den Worten: „Verknotete, ungepflegte Haare – eine Horrorvorstellung für jede Frau. […] ,Sunsilk 9 to 9 Spülung + Lotion’ löst das Problem – und ihre Knoten“…
Dennoch: eine Ausstellung hochkarätiger Fotos, wenn auch gepresst in den falschen Raum, untergehend im unangemessenem Rahmen.

Juliane Linke

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