Wie man die Wahrheit erpuzzelt (Dok. Der unbekannte Soldat)

Wir sind eingeladen. Eingeladen, auf eine verworrene Spurensuche, um die Wahrheit über die deutsche Wehrmacht zu finden.

Einhundert Minuten, in denen der Kinogänger mit schockierenden Originalaufnahmen konfrontiert wird und sich immer weiter in den Kinosessel drückt. Wie Sherlock Holmes setzt er dabei aus verschieden Fakten und Aussagen Teil für Teil ein riesiges Puzzle zusammen. Unseren Ausgangspunkt bildet die Ausstellung „Der unbekannte Soldat“, welche Mitte der 90er für Skandalschreie im ganzen Bundesgebiet sorgte. „Opa war kein Verbrecher!“ und „Die Presse lügt!“, so schallte es aus Neonaziaufmärschen rund um die Gaststadt München. Nun würden wir Kinodetektive aber gerne weiterbohren, bekommen aus den Besuchern von NPD-Demos allerdings nur ein ausweichendes, vielleicht unwissendes Schweigen. Auch ein pseudointellektueller Rechter vermag uns kein Streichholz inmitten des dunklen Rätselkellers zu reichen. Wenigstens lassen sich leicht in einer Vielzahl von alten Familienalben Fotos finden, auf denen der Opi mit einem Grinsen von einem zum anderen Ohr einen Erhängten schaukelt. Die Dokumentation „Der unbekannte Soldat“ setzt aber nicht nur auf Äußerungen politisch anspruchsloser Strömungen und eindeutigem Quellenmaterial. Michael Verhoeven schabt viel tiefer und bohrt sich bis zu Überlebenden aus Einzugsgebieten der Wehrmacht vor. Berichte aus dem Ghettoalltag und Gefangenenlagern und Menschen, die Massenerschießungen entkamen, lassen das Puzzleteil „Opa war kein Verbrecher“ mehr und mehr wie ein unbrauchbares Fragment erscheinen. Das immer wieder eingeblendete bayrische Fußvolk, welches sich vor den Pforten der Ausstellung zu schwer verständlichen Statements platziert hat, wirkt in Anbetracht der Beweislage nun nicht mehr lustig, sondern nur noch lächerlich. Doch wenigstens erweist sich unsere Doku als schafsinniger Detektiv, denn Soziologen, Schriftsteller und Historiker werden zu Rate gezogen, durchleuchten mit großen Lupen mögliche Tatmotive der Soldaten und werfen uns Zuschauern große Puzzlestücke zu.

Nach „Der unbekannte Soldat“ haben wir dann durch gute Recherche der Filmemacher ein riesiges 3D-Puzzle, welches uns den Blick in verschiedenste Ebenen, auf der Suche nach der Wahrheit der deutschen Wehrmacht, bietet. Dennoch bleiben Fragen offen. So muss jeder selbst seine persönliche Bewertung über das Verhalten der Soldaten im Zweiten Weltkrieg finden. Ebenso bleibt das Kernstück des Puzzles im Verborgenen: die große Frage nach dem „Warum?“. Mit ihr bleiben wir Zuschauer allein. Und das meine ich wörtlich. Das nach dem Film angesetzte Gespräch mit dem Regisseur und anderen Mitwirkenden findet nicht statt. Nicht, dass „Der unbekannte Soldat“ keinen Gesprächstoff geboten oder die Zuschauer nicht bewegt hätte. Es war schlicht und ergreifend kein Ansprechpartner vor Ort, der bereit gewesen wäre, eine Diskussion, Gespräch oder ähnliches zu führen. Und so sitzen im Saal ungefähr zwanzig aufgewühlte, bedrückte und schockierte Menschen, denen der abschließende Rahmen für ihr Puzzle verwährt blieb.

Carolin Weidner

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