Installation á la surprise

Auf der Suche nach Anne Katrine Dolvens viel gepriesenem Kunstwerk muss ich drei Museumsherumsteher zu Rate ziehen, bis ich schließlich vor einer unscheinbaren Türe stehe. Als Kunstwerkverpackung hätte sie nicht besser gewählt werden können; am Ende der Galerie, in eine Ecke gepfercht, fast wandfarben: ein Kunstwerk, dass sich raffiniert vor dem Betrachter tarnt. Das hat es erstens auch nötig und erweist sich zweitens somit als ausgesprochen altruistisch. Ersteres, da es in keinster Weise hält, was ausgewiesene Kunstkenner versprachen; letzteres, da es durch sein Nicht-betrachtet-werden dem Kunstliebhaber ernsthafte Schmerzen erspart. In neanderthal-ähnlicher Rückenkrümmung muss der kompromisslose Betrachter vor einer fingernagelgroßen Öffnung verharren und größtmögliches Geschick aufbringen, um die dürftige Filmsequenz optisch zu erfassen. Diese scheint nicht mit der provisorischen Öffnung überein zustimmen und verlangt dem Betrachter akrobatische Schiel-Künste ab, die je nach Beschaffenheit des Augenmuskels früher oder später, höchstens aber nach zehn endlosen Sekunden, zu extremen Augenschmerzen, Augentrockenheit und unter Umständen sogar zu kurzzeitigem Orientierungsverlust führen können. All dies würde der kompromisslose Betrachter für eine mitreißende oder wenigstens ansprechende Vorstellung selbstverständlich in Kauf nehmen. Doch darauf wartet er vergeblich. Natürlich, Kunst ist subjektiv. Aber mal ehrlich, wer lässt sich unter denkbar schlechten physischen Komfortverhältnissen von einer Videoinstallation mitreißen, die durch blühende Langeweile besticht? Wir haben als Betrachter die einmalige Gelegenheit einer Frau dabei zuzusehen wie sie mit der Schnelligkeit einer Schildkröte eine kitschige samtverpackte Treppe hinunter schreitet und dabei gelegentlich mit bedächtiger Langsamkeit ein Kleidungsstück überstülpt. Dabei zeigt sie die Grazie einer Elefantenkuh und den Elan eines Maulesels. Die Künstlerin hat es sich nicht nehmen lassen, diese einzigartige Mischung mit der Abwechslung und der Faszinationskraft einer Endlosschleife zu würzen. Der durchschnittliche Betrachter braucht etwa 5 Sekunden, um all diese Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten, dann meldet sich ohnehin entweder sein Auge oder sein Rücken und zwingt ihn zum Rückzug. Enttäuscht wird er sich abwenden und schadenfroh den Platz für den nächsten in der Warteschlange räumen.

Felicia Schneiderhan

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