„Ich bin so geboren. Schwerhörig. Das ist meine Identität.“

Foto: Martin Putz

„Was ist das hier?,“ fragt Barbara mit großen Augen und einem sanften Lächeln auf den Lippen. Sie deutet auf einen kleinen grünen Käfer in dem Kinderbuch ihres einjährigen Sohnes und blickt ihn erwartungsvoll an. Er hebt seine Hände und spaziert noch etwas ungeschickt mit den Fingern aufwärts seinen linken Arm hoch. Ihr Mund verzieht sich zu einem freudigen Lachen. Denn diese Geste bedeutet Käfer – auf Gebärdensprache.

In Europa gibt es nur vier Länder, in denen die Gebärdensprache anerkannt wird. Österreich ist eins davon. Dorthin nimmt uns Dariusz Kowalski, der Produzent von Seeing Voices, mit. Gemeinsam entdecken wir die Community der Deaf-People. Wie sie feiern, arbeiten und leben.
„Ich wollte gehörlose Menschen nicht über ihre Andersartigkeit porträtieren, sondern über ihre Kultur.“ erzählt Kowalski. Eigens für den Film hat er ein Jahr lang Gebärdensprachenunterricht genommen. Das ermöglichte ihm eine direkte und unverfälschte Kontaktaufnahme zu seinen Protagonist*innen. Und das war wichtig. Denn laut Film sind gehörlose Menschen oft misstrauisch gegenüber den Hörenden. Sie haben nicht selten das Gefühl von ihnen übergangen zu werden.
Was besonders betroffen macht, sind die fehlenden strukturellen Vorrichtungen, die den Gehörlosen erlauben sich wie ihre hörenden Mitmenschen zu entfalten.
Nur 50% von 10.000 Personen mit Hörschwierigkeiten haben einen Matura-Abschluss. Dieser Umstand liegt an einem mangelhaft ausgearbeiteten Bildungssystem. Anstatt Gesetze einzuführen, die das Leben der Community vereinfachen, versuchen Ärzte vermeintliche Normalität durch Hörimplantate herzustellen. Sie verstehen die Taubheit oft als Defizit und begreifen noch nicht, dass es sich hier um mehr handelt. Denn Schwerhörigkeit und Taubheit bilden einen Teil der Identität der Gemeinschaft, die Dariusz Kowalski porträtiert.
Seeing Voices ist eine wirklich hervorragende Dokumentation, die hoffentlich viele Menschen, insbesondere in der Politik erreicht und einen Wandel in unserem Umgang und unserer Wahrnehmung von gehörlosen Menschen mit sich bringt.