Ein Heimatfilm fernab von Musikantenstadl, Familienidylle und Sorglosigkeit.

Filmstill: NDR

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Adnan ist 22 Jahre alt, Student und lebt im sechsten Stock eines Blocks am Rande Lübecks. Hudekamp ist ein sozialer Brennpunkt, wie es politisch korrekt heißt. Doch bedeutet „am Rande der Stadt“ auch „am Rande der Gesellschaft“?
Ãœber 20 Stockwerke sind gefüllt mit Schicksalen und Erinnerungen, die meisten davon freudlos und betrüblich. So viele, so unterschiedliche Leben, die nur durch dünne Wände getrennt werden. Zum Beispiel der Ex-Neonazi, der von harten Drogen auf Alkohol umgestiegen ist, aber sich trotzdem liebevoll um die altersschwache Annemie kümmert. Oder der 12-jährige Ibo, der auf seine Geschwister aufpassen muss, seit sein Vater gestorben ist. Oder Ramona und Karsten, die aus Angst vor Ausländern noch extra Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Oder, oder, oder. Nur der Hausmeister weiß irgendwie über alle Bescheid. Wie in einer Schaltzentrale blickt Klaus auf die vielen Monitore mit Bildern der Ãœberwachungskameras. Als würden verschiedene Leitungen im Wechsel- oder Gleichstrom laufen und an diesem einen Punkt zusammentreffen – im Erdgeschoss des Hochhauses.

Pia-Luisa Lenz und Christian von Brockhausen zeigen in ihrem Dokumentarfilm „Hudekamp – Ein Heimatfilm“ ernüchternd ehrliche Wahrheit. In Sekundenschnelle schlägt die bedrückende Atmosphäre auch auf den Zuschauer um. Durch packende Nahaufnahmen und abwechslungsreichen Schnitt bleiben die Auge an der Leinwand kleben. Und wegen der Statements der Bewohner, bei denen man weinen, schreien und den Kopf schütteln möchte. Gleichzeitig. Wer den Kinosaal mit der Erwartung betritt, Hoffnungsschimmer inmitten von grauer Tristesse zu finden, wird enttäuscht. Eine neue Sicht auf Altbekanntes. Auf Kommentare oder Wertung durch Außenstehende wird komplett verzichtet. Ist es also ein Blick auf den Rand der Gesellschaft? Eher die Momentaufnahme eines eigenen, kleinen Kosmos.

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